Regionen-orientierte Innovationsförderung

Dr. Hartmut Paetsch (© Forschungszentrum Jülich, Ralf-Uwe Limbach)
Dr. Hartmut Paetsch, Leiter des Geschäftsbereiches TRI
(© Forschungszentrum Jülich, Ralf-Uwe Limbach)

Dr. Hartmut Paetsch ist Experte für regionale Technologieplattformen. Er war in den 90er Jahren beim Projektträger verantwortlich für den BioRegio-Wettbewerb und betreut seit rund 15 Jahren "Unternehmen Region", die BMBF-Innovationsinitiative für die neuen Länder. Außerdem unterstützt er das BMBF bei der Durchführung des Spitzencluster-Wettbewerbs und der Förderinitiative Forschungscampus sowie das Land Nordrhein-Westfalen bei der Technologieförderung im Rahmen des Ziel 2-Programms.

Herr Dr. Paetsch, das Programm BioRegio machte 1995 den Anfang. Heute ist die Förderung regionaler Technologieplattformen ein erprobtes Instrument der Innovationspolitik. Was genau ist eine "Technologieplattform"?

Der Begriff stammt aus dem Bereich der technologieorientierten Unternehmensgründungen. Solche Gründungen gelten immer dann als besonders erfolgversprechend, wenn sie auf einer speziellen eigenen Technologie aufbauen. Auf Basis dieser "Plattformtechnologie" oder "Technologieplattform" können die Unternehmen dann später immer wieder erfolgreich neue Produkte auf den Markt bringen. Wir haben den Begriff schließlich zusammen mit dem BMBF um die regionale Dimension erweitert: Regionale Technologieplattformen in unserem Sinne sind daher nicht mehr auf ein einzelnes Unternehmen beschränkt. Sie bieten mehreren Unternehmen das Potenzial für Innovation und Wachstum und setzen sich oftmals aus dem gemeinsamen Know-how unterschiedlicher Akteure zusammen. Den Technologiebegriff selbst fassen wir dabei sehr weit. Es kann sich um ein neues Wirkprinzip, ein Verfahren, ein Material oder ein neues System handeln.

Können Sie einige erfolgreiche Beispiele solcher Technologieplattformen aus der Vergangenheit nennen?

Da gibt es natürlich viele, zum Beispiel das elektromotorische Wirkprinzip. Es war die Grundlage für die industrielle Produktion vieler neuer Produkte mit elektrischen Antrieben. Oder das Spritzgussverfahren, für dessen Nutzung nicht nur verschiedenste Anlagen entstanden sind, sondern das auch unzählige neue Kunststoffe und Kunststoffprodukte hervorgebracht hat. Stahl ist ein gutes Beispiel für ein – in diesem Fall traditionelles – Material als Technologieplattform: Durch verschiedene Legierungen werden immer wieder neue Eigenschaften generiert und Möglichkeiten für neue Produkte oder Anlagen zu deren Herstellung geschaffen. Und der PC-Arbeitsplatz ist ein hervorragendes Beispiel für eine System-Plattform. Aus einem Einzelarbeitsplatz ist inzwischen ein umfassendes System der Büroorganisation und -kommunikation geworden.

Wir reden hier von regionalen Plattformen. Was gilt in diesem Zusammenhang als "Region"?

Regionale Technologieplattformen (© Bosse und Meinhard Wissenschaftskommunikation)
Regionale Technologieplattformen (© Bosse und Meinhard Wissenschaftskommunikation)

Bei den Förderprogrammen, die wir betreuen, betrachten wir Regionen eher funktional, als Zweckbündnisse von Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Freiberuflern und gegebenenfalls auch Behörden. Sie alle haben ihren Standort in einem begrenzten geografischen Raum mit in der Regel höchstens 100 Kilometern Ausdehnung. Und genau dort, an den Standorten der Bündnispartner, soll innerhalb neuer Wertschöpfungs- und Innovationsketten zusätzliches Wirtschaftswachstum entstehen, die regionale Wertschöpfung durch Innovationen ist somit der eigentliche Zweck der Bündnisse.

Und warum diese Fokussierung auf Regionen?

Bei vielen Projekten haben wir die Erfahrung gemacht, dass die räumliche Nähe für mehr Geschwindigkeit und Niveau des Innovationsprozesses sorgt und seine Ergebnisse deutlich steigern kann. Das gilt besonders für Technologiefelder in einem frühen Entwicklungsstadium. In einer Region trifft man sich öfter und spricht mehr miteinander. Ein solcher intensiverer Ideen- und Erfahrungsaustausch ist eine ganz wichtige Voraussetzung für Innovationen. Und dann darf man auch die regionale Identität, das heimatliche Wir-Gefühl nicht unterschätzen.

Ist die starke Orientierung an Regionen aus Ihrer Sicht immer der beste Ansatz für die Erschließung von Innovationspotenzialen?

Nach unseren Erfahrungen ist der regionale Ansatz dann überlegen, wenn viele Unternehmen gegründet oder ausgegründet werden müssen, um wissenschaftliche Ergebnisse in die Wirtschaft zu transferieren. Oder aber, wenn es in einer Region bereits viele Unternehmen gibt, die durch Neu- und Weiterentwicklung einer Technologie neue oder bessere Produkte auf den Markt bringen können. Zusätzlich braucht es dann aber auch eine gemeinsame Marktstrategie aller Partner und eine passende Organisationsform, in die Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen eingebunden werden. Und es braucht ein professionelles Bündnis- bzw. Clustermanagement.

Welche Erfahrungen hat der Projektträger Jülich mit der Betreuung regionaler Technologieplattformen?

Die Basis unseres Know-hows hierzu war das völlig neuartige Programm BioRegio, das wir als Projektträger betreut haben. Mit diesem Programm haben wir absolutes Neuland betreten. Anfang der 1990er Jahre hielt die Entwicklung der deutschen Biotechnologie nicht Schritt mit anderen Ländern. Ungeachtet einer international anerkannten Spitzenforschung engagierten sich zu wenig Firmen in diesem Technologiefeld – vor allem im Vergleich zu den USA und Großbritannien, wo im Umfeld von Universitäten und Forschungszentren viele neue Biotech-Unternehmen entstanden. Sogar große deutsche Pharmaunternehmen verlagerten ihre Forschung dorthin. An diesem Punkt startete das BMBF den BioRegio-Wettbewerb und legte damit den Grundstein für das Entstehen international wettbewerbsfähiger BioRegionen in Deutschland. BioRegio war somit das erste deutsche Innovationsförderprogramm für Regionen mit einem speziellen technologischen Hintergrund.

Nach BioRegio kam InnoRegio – und PtJ war wieder mit dabei ...

1998 entschied sich das BMBF, InnoRegio – einen themen- und branchenoffenen Wettbewerb – in Ostdeutschland zu veranstalten, und beauftragte PtJ als Projektträger. Das Programm setzte auf Eigeninitiative und bereits vorhandene Technologien, um Innovationen und Wachstum voranzubringen. Die besten Chancen hierfür besaßen – wie schon bei BioRegio – Regionen mit speziellen branchenspezifischen Technologieplattformen. Wir als Projektträger hatten deshalb u. a. die anspruchsvolle Aufgabe, die vorhandenen BioRegio-Verfahren speziell für InnoRegio weiterzuentwickeln. Dabei galt es vor allem zu berücksichtigen, dass InnoRegio völlig offen war für die verschiedensten Themen und Technologien. Außerdem gab es in den Regionen, neben den charakteristischen Bildungs- und Forschungseinrichtungen, bereits viele relevante Unternehmen.

Bei welchen aktuellen Programmen profitiert PtJ von diesen Erfahrungen?

Diese langjährige Expertise nützt natürlich dem gesamten Projektträger Jülich, am stärksten beim "Spitzencluster-Wettbewerb" und den "Innovativen regionalen Wachstumskernen", die wir ja schon seit 2001 betreuen, aber auch bei der 2011 gestarteten Initiative Forschungscampus. Die themenoffenen Programme des BMBF sind sehr anspruchsvoll und selektiv und sie richten sich ebenfalls an Regionen mit speziellen Technologieplattformen. Inhaltlich unterscheiden sie sich durch ihre Anforderungen an Reife, Breite, Niveau und Nutzerzahl der Technologie. Auch bei diesen Programmen hat PtJ den Förderansatz und das Instrumentarium mitgestaltet.

Stichwort Förderansatz: Ein regionales Bündnis interessiert sich für diese von PtJ betreuten Programme. Was entscheidet über den Erfolg der Bewerbung?

Der erste Anhaltspunkt ist die Zusammensetzung des Bündnisses. Sie gibt bereits vor, wie groß die Effekte in der Region sein können. Im Idealfall sind alle Partner einer Wertschöpfungs- oder Innovationskette vertreten, also Forschungseinrichtungen, Hersteller, Zulieferer und wichtige Kunden. Der zweite Aspekt ist eine konsequent am Markt, am internationalen Wettbewerb und systematisch an den Kundenproblemen orientierte Strategie. Es ist immer ein Vorteil, wenn die Referenzkunden Teil des Bündnisses sind oder frühzeitig der Kontakt zum Kunden aufgebaut wird. Entscheidend ist, dass Einrichtungen und Unternehmen ihre Einzelstrategien mit der komplexen Bündnisstrategie abgleichen, nur so lässt sich das Potenzial einer Technologieplattform voll ausschöpfen.

Entstehung der Projektförderung

Förderung der Energieforschung

Entwicklung der Umweltforschung

Entwicklung der Biotechnologie

Förderung der Materialforschung

Europäischer Forschungsraum