Entwicklung der Umweltforschung

Wald
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Ein Interview mit Beate Schütze, Leiterin des Geschäftsbereiches Nachhaltigkeit (UMW) beim Projektträger Jülich.

Wie hat sich die Umweltforschung weiterentwickelt, nachdem sie sich, im Zuge der Waldschadensforschung, als eigenständiges Fördergebiet etabliert hatte?

Ausgehend von den bereits fühlbaren und prognostizierten Beeinträchtigungen der Umwelt – wie der Verunreinigung von Gewässern oder dem Waldsterben – erlebte die Umweltforschung in den Folgejahren einen regelrechten Boom. Die Politik war gefordert, zu handeln und strategische Weichen zum Erhalt der Umwelt zu stellen. Dabei ging es nicht nur um Fragen der Gesundheit des Menschen oder Belange der Natur, sondern auch um die Sicherung der Produktionsgrundlagen der Volkswirtschaft.

Mit dem von 1984 bis 1997 laufenden Programm Umweltforschung und Umwelttechnologie förderte die Bundesregierung die Umweltforschung erstmals mit einem eigenständigen Rahmenprogramm und verband die Forschungsförderung stärker mit einer zukunftsorientierten Ausrichtung der Umweltpolitik. Bis dahin hatte sich die Förderung immer an scheinbar akuten Problemen, wie der chemischen Belastung von Ökosystemen, orientiert. Nun aber stand die Umweltforschung vor der Aufgabe, durch intensive, interdisziplinäre Forschung Ursachen und Wirkungsketten aufzuklären und umweltfreundliche Technologien zu entwickeln. Ziel der Forschung war es, erst einmal zu verstehen, wie ein Ökosystem funktioniert und welche Auswirkungen externe Eingriffe haben. Dabei rückten, neben der notwendigen isolierten Betrachtung einzelner Medien, wie Luft, Wasser und Boden, systemische Betrachtungsweisen immer mehr in den Mittelpunkt. Erstmals wurden verschiedene Ansätze der Wirkungsforschung zu einer standortorientierten Ökosystemforschung vereinigt – beispielsweise die Entwicklung von Biotestsystemen zur Bewertung von Gewässerqualitäten. Gleichzeitig wurden Umweltschutztechnologien, etwa zur Verringerung von Luftschadstoffen oder der Stoffeinträge in Gewässern, entwickelt.

Das Themenspektrum des Programms war breit gefächert: Von der Klima- und Atmosphärenforschung (Ozonloch, Emissionen) sowie der ökologischen Forschung (Waldschadensforschung, Biotop- und Artenschutz) über die Meeresforschung (Nord- und Ostsee) bis hin zur Umwelttechnik (Abwasserbehandlung, Altlastensanierung, Luftreinhaltung).

Wer setzte das Umweltforschungsprogramm um?

Beate Schütze, Leiterin des Geschäftsbereiches Nachhaltigkeit (UMW) beim Projektträger Jülich (© Andreas Speck)
Beate Schütze, Leiterin des Geschäftsbereiches Nachhaltigkeit
(UMW) beim Projektträger Jülich (© Andreas Speck)

Auf Grund der thematischen Vielfalt der Förderinitiativen wurden zahlreiche Projektträger mit der Umsetzung betraut, die je nach Schwerpunkt in den dafür ausgewiesenen Großforschungs-einrichtungen angesiedelt waren und auf das dort vorhandene Expertenwissen zurückgreifen konnten.

Im Mittelpunkt der in Jülich betreuten Schwerpunkte stand zunächst die Waldschadensforschung mit einer starken Ausrichtung auf ökosystemische Betrachtungen. Die größten Forschungs-zentren zu terrestrischen Ökosystemen, also Wald, Agrarflächen und zu Übergangsbereichen zwischen Land und Wasser, in Göttingen, Bayreuth, München und Kiel wurden von uns betreut.

1997 legte die Bundesregierung das Programm „Forschung für die Umwelt“ auf. Wie unterschied sich dieses Nachfolgeprogramm von seinem Vorgänger?

Das erste Umweltforschungsprogramm hatte die Grundlagen dafür geschaffen, dass Deutschland international eine Vorreiterrolle in den Bereichen Umweltstandards, Umweltgesetzgebung und Umweltschutztechnik einnahm. Mit dem Nachfolgeprogramm wurden dann Ende der 1990er Jahre verstärkt Anstrengungen unternommen, die bilaterale Zusammenarbeit sowie den Technologietransfer auszubauen, um dem globalen Problem der Umweltzerstörung, insbesondere in den Entwicklungs- und Schwellenländern, mit innovativen Lösungen zu begegnen und Umwelttechnik zu exportieren. Im Rahmen der Wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit (WTZ) wurden Vorhaben in allen Themenbereichen, vor allem mit Brasilien, China, Indonesien, der Mongolei und Usbekistan, gefördert. Gemeinsam wurde an der Lösung drängender Fragen, wie etwa der Erhaltung des Regenwaldes, dem Gewässerschutz oder der Sicherung einer nachhaltigen Landbewirtschaftung, gearbeitet.

„Forschung für die Umwelt“ beinhaltete auch einen Schwerpunkt zum nachhaltigen Wirtschaften. Waren bislang Umwelttechnologien nachgeschaltet darauf ausgerichtet, Verunreinigungen zu entfernen, wie z. B. in Abwasserreinigungsanlagen oder Filteranlagen zur Abluftreinigung, wurde der Fokus jetzt auf einen produkt- und produktionsintegrierten Umweltschutz gerichtet. Umweltbelastungen sollten im Produktionsprozess gar nicht erst entstehen. Wichtig waren die Erhöhung der Ressourcenproduktivität, die Abfallvermeidung und die Wiederverwertbarkeit. Wir haben z. B. Vorhaben zu integrierten Technologien für die Holzverarbeitung, die Textil- und Lederindustrie sowie die Lebensmittel- und Verpackungsindustrie gefördert.

Gewässer (© istockphoto.com/Mordolff)
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Mit den Programmen „Forschung für Nachhaltigkeit“ (FONA I) und „Forschung für nachhaltige Entwicklungen“ (FONA II) hat die Bundesregierung inzwischen zwei weitere Rahmenprogramme für die Umweltforschung aufgelegt. Welche Auswirkungen haben diese Programme auf die Entwicklung der Umweltforschung?

Die Fördermaßnahmen in der Nachhaltigkeitsforschung nehmen, verglichen mit den Vorgängerprogrammen, eine sehr viel breitere Perspektive ein. Nachdem das erste Rahmenprogramm ein grundlegendes Verständnis für die Funktionsweise von Ökosystemen geschaffen hat und das zweite Programm stärker die Anwendungsorientierung, etwa bei den Umweltschutztechnologien, in den Mittelpunkt rückte, widmet sich die Nachhaltigkeitsforschung der zentralen Frage, wie sich die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bewältigen lassen. Wie können wir uns auf die ökologischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen der Ressourcenverknappung, die Klimaerwärmung oder den demografischen Wandel einstellen? Um Lösungen zu diesen und anderen Zukunftsfragen zu erarbeiten, muss angesichts der Komplexität der Problemstellungen über die Grenzen von Wissenschaftsdisziplinen hinweg zusammengearbeitet werden. Es soll nicht nur inter-, sondern auch transdisziplinär geforscht werden, d. h. auch die Anwender von Forschungsergebnissen und zivilgesellschaftliche Interessengruppen sollen mit ihrem Erfahrungs- und Praxiswissen von Anfang an in den Forschungs- und Innovationsprozess einbezogen werden.

Mit dem von 2005 bis 2009 laufenden Programm FONA I sowie dem bis 2014 laufenden Nachfolgeprogramm FONA II rückte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Umwelt als Lebensmittelpunkt des Menschen in den Fokus der Betrachtungen. FONA orientiert sich im Nachhaltigkeitskontext sehr stark auf Forschung zur Problemlösung. Das beinhaltet auch eine klare Ausrichtung auf Umsetzungsrelevanz. Es ist erklärtes Ziel der Nachhaltigkeitsforschung, Handlungswissen für die Akteure in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und die Bürger vor Ort zur Verfügung zu stellen. Forschungsergebnisse münden daher oftmals direkt in Handlungsempfehlungen und Leitfäden. Und mit der Umweltbildung wurde eine wichtige Säule der Umweltforschung im heutigen Schulunterricht implementiert.

Die wohl bedeutendste Wirkung der ganzen Umweltforschungsprogramme ist daher auch, dass sie das Thema Umwelt bzw. Umweltschutz in die Gesellschaft hineingetragen haben.

Welche Rolle spielt der Projektträger Jülich bei der Umsetzung von FONA?

Wir haben das BMBF in nahezu allen Themenbereichen von FONA unterstützt. Im aktuellen Programm setzen wir insbesondere die Aktionsfelder „Nachhaltiges Wirtschaften und Ressourcen“, „Erdsystem und Geotechnologien“, „Klima und Energie“ sowie „Globale Verantwortung und internationale Vernetzung“ um.

Forschungs- und innovationspolitisch besteht die Herausforderung darin, über die inter- und transdisziplinäre Wissensgenerierung hinaus auch die Umsetzung von Ergebnissen aus der FONA-Forschung anzustoßen. Hier konnten wir einige Impulse setzen, beispielsweise mit der Fördermaßnahme REFINA, die sich mit der Ressource Fläche als begrenztem Gut befasst. Daher ist in der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie Deutschlands das Ziel verankert, den täglichen Flächenverbrauch von über 100 auf 30 Hektar zu vermindern. In REFINA wurden rund 60 Instrumente und Ansätze, z. B. ein Flächenkostenrechner, entwickelt, die helfen sollen, die verfügbaren Flächen nachhaltiger zu nutzen. Die REFINA Ergebnisse wurden auf Regionalforen potenziellen Anwendern wie Kommunen, Regionalentwicklern und Umweltplanern vorgestellt und fanden so ihren Weg in die Praxis.

Um mit der Forschungsförderung auch tatsächlich eine Wirkung für nachhaltige Entwicklungen zu erzielen, müssen bei der Konzeption von Fördermaßnahmen alle Aspekte, die für die spätere Umsetzung von Forschungsergebnissen eine Rolle spielen, beachtet werden. Wir haben hier weitreichende Erfahrungen und unterstützen das BMBF bei der programmatischen Weiterentwicklung von FONA.

Entstehung der Projektförderung

Förderung der Energieforschung

Entwicklung der Biotechnologie

Förderung der Materialforschung

Regionen-orientierte Innovationsförderung

Europäischer Forschungsraum