Die Zukunft der Wirtschaft: Wenn sich der Kreis schliesst...

Wir leben in einer Welt mit endlichen Ressourcen – eigentlich nichts Neues. Und doch erzählen die Zahlen eine andere Geschichte: 20 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen 80 Prozent der weltweit zur Verfügung stehenden Ressourcen. „Nehmen, benutzen, wegschmeißen“ lautet die Devise und so werden riesige Mengen an Rohstoffen, Energie und weiteren Ressourcen verbraucht. Würden die knapp acht Milliarden Menschen, die die Erde bevölkern, alle so leben wie die Einwohner der modernen Industriestaaten, bräuchten wir fünf Erden, um genug Ressourcen für alle zu haben.

Dass es so nicht weitergehen kann, liegt auf der Hand. In Deutschland gibt es bereits Ansätze, umzudenken und den Ressourcenverbrauch zu reduzieren: Immer mehr Menschen kaufen regional und saisonal ein – am besten verpackungsfrei – , verzichten häufiger auf Fleisch und legen Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück. Sie schonen damit Ressourcen, verringern die Kohlendioxid-Emissionen und schützen die Umwelt. Viele Menschen ändern ihre Lebensgewohnheiten, um den nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen. Nicht umsonst gehört „Nachhaltige/r Konsum“ und Produktion zu den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. Doch klar ist auch: Mit veränderten Lebensgewohnheiten allein lassen sich die Ziele kaum erreichen. „Ein grundlegendes Umdenken ist gefragt, natürlich auch bei den Verbrauchern, aber am dringendsten in der Produktion, insbesondere beim Produktdesign – weg vom klassischen linearen Wirtschaftsmodell hin zum zirkulären Wirtschaften“, bringt es Dr. Jean-François Renault vom Projektträger Jülich (PtJ) auf den Punkt. Er koordiniert das Kompetenzfeld „Zirkuläre Wirtschaft“.

Ein systemischer Ansatz muss her!

Die Idee: den Nutzen und den Wert aller Produkte, Teile und Materialien möglichst lange auf einem hohen Standard zu halten. Der Schlüssel dazu: Reparieren, Aufarbeiten und Wiederverwenden. Es gibt praktisch keinen Abfall mehr, sondern nur Ressourcen, die immer wieder und länger zum Einsatz kommen. „In einer zirkulären Wirtschaft spielt Recycling erst dann eine Rolle, wenn alle anderen Nutzungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Vorrang hat das Upcycling – ein Verfahren, bei dem die eingesetzten Ressourcen nach Gebrauch sogar wertvoller sind als zuvor“, erklärt Renault. Der Handlungsdruck ist da – das spiegeln die Zahlen wider: Allein jede und jeder Deutsche verbraucht pro Jahr durchschnittlich 16 Tonnen Metall, Beton, Holz und andere Rohstoffe, Deutschland produziert 1,8 der insgesamt 40 Millionen Tonnen Elektroschrott weltweit. Begrenzt sind auch lebenswichtige Ressourcen, die in unserem Bewusstsein eine noch zu kleine Rolle spielen: Ein Drittel aller Ackerflächen weltweit wird allein nur für die Fleischproduktion der Industrieländer benötigt.

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Dr. Jean-François Renault, Koordinator des PtJ-
Kompetenzfeldes „Zirkuläre Wirtschaft“

 

 

 

„Mut zur zirkulären Wirtschaft!“

Die Forschungspolitik setzt Akzente

Die Europäische Kommission gibt mit dem Kreislaufwirtschaftspaket die Richtung vor. Länder wie die Niederlande, Frankreich und Finnland setzen zirkuläres Wirtschaften als Forschungs- und Innovationsschwerpunkt auf ihre politische Agenda. Staaten im asiatischen Raum wie Japan und die Volksrepublik China verfolgen schon seit Jahren ähnliche Ansätze. In Deutschland hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Konzept „Ressourceneffiziente Kreislaufwirtschaft“ vorgelegt und setzt in diesem Zusammenhang deutliche Akzente. PtJ hat das Konzept gemeinsam mit dem BMBF auf den Weg gebracht. Der Projektträger greift auf jahrzehntelange Erfahrung in Sachen Förderung von Nachhaltigkeits-, Ressourcen- und Energieeffizienzthemen zurück. Fördermaßnahmen weiterer Bundesressorts tragen bereits zur Umsetzung einer zirkulären Wirtschaft bei.

Die Hürden auf dem Weg zur Circular Economy sind zwar hoch, die damit verbundenen Chancen aber ungleich höher: Die Europäische Kommission schätzt, dass eine erfolgreiche Etablierung der zirkulären Wirtschaft bis 2030 einen zusätzlichen Wachstumseffekt von 1,8 Billionen Euro mit sich bringen könnte. In diesem Zusammenhang sind neue – meist digitale – Geschäftsmodelle gefragt. Zudem müssen alle Beteiligten aus Forschung, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft neue Wege der Zusammenarbeit entlang des Kreislaufs finden – umgesetzt in klassischen Unternehmen, aber auch zunehmend in sozialen Unternehmen wie beispielsweise Repair-Cafés.

„Mut zur zirkulären Innovation!“, lautet Renaults Appell. Für den PtJ-Mitarbeiter steht außer Frage: „Die Schließung des Ressourcenkreislaufs beziehungsweise die Optimierung der Nutzungsphase von Produkten, Gebäuden und Infrastrukturen sind vielversprechende Grundlagen für neue Geschäftsideen, bei denen monetäre Wertschöpfung nicht der einzige Gewinn ist.“

Den Stein ins Rollen bringen

Der Begriff „Circular Economy“ taucht immer häufiger auf der politischen Agenda auf, beispielsweise im Aktionsplan der EU für die Kreislaufwirtschaft. Ein Gespräch mit Vera Susanne Rotter, Professorin für „Kreislaufwirtschaft und Recyclingtechnologie“ an der TU Berlin, und Michael Weber, Leiter des PtJ-Geschäftsbereichs „Nachhaltigkeit“, über Erwartungen, Chancen und Barrieren, die sie mit einer zirkulären Wirtschaft verbinden.

Walter Stahel gilt als einer der Väter der Circular Economy. Bereits 1976 schrieb der Schweizer Professor für die Europäische Kommission einen Bericht zu dem Thema – ohne Folgen. 40 Jahre später hat die Kommission einen Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft auf den Weg gebracht. Warum scheint nun die Zeit gekommen zu sein, um eine zirkuläre Wirtschaft zu etablieren?

WEBER: Die Frage für Politik und Wirtschaft ist immer, wie groß der Handlungsdruck ist. Mit der Zeit ist ein Gespür dafür gewachsen, dass Preis-, Liefer- und Versorgungsrisiken immer größer, Ressourcen immer knapper werden. Der weltweit wachsende Rohstoffhunger verschärft den Wettbewerb um die begrenzten Ressourcen. Chinas Engagement in Afrika und Südamerika ist hier ein oft genanntes Beispiel. Damit wird deutlich, dass auch Deutschland politisch handeln muss. Sicherlich hat man schon vor 40 Jahren über Wachstumsgrenzen nachgedacht, aber der Handlungsbedarf und der politische Druck waren einfach noch nicht so groß.

ROTTER: Ja, das Thema ist nicht neu. Schon vor etwa 35 Jahren habe ich einem Freund bei der Recherche zum Thema „Design for Recycling“ geholfen. Da gab es schon tolle Ideen, wie beispielsweise im Maschinenbau Werkzeuge recycelbar designt werden müssen. Viele der Aspekte sind lange bekannt. Nur standen damals noch ganz andere Schlagworte auf der politischen Tagesordnung wie „Entsorgungsnotstand“ und „Wilde Müllkippen“. Mit der geordneten Abfallwirtschaft sind dann später Kohlendioxid-Emissionen und Klimaschutz mehr in den Vordergrund gerückt. Heute ist das Thema Kreislaufwirtschaft angesichts der Knappheit von Rohstoffen aktuell.

Inwieweit unterscheidet sich das Konzept im EU-Aktionsplan von bisherigen Recycling-Programmen?

WEBER: Es werden alle natürlichen Ressourcen betrachtet und nicht nach Stoff oder Produkt isoliert und in linearen Modellen, sondern innerhalb eines gesamten Wirtschaftssystems – das ist ein großer Unterschied zu allem, was vorher passiert ist: Es berücksichtigt Rohstoffe genauso wie Energie, Land oder Wasser, verbunden mit der Frage, wie der Wert von Ressourcen innerhalb der Wirtschaft möglichst lange erhalten werden kann. Damit wird ein viel größeres Ganzes adressiert – ob es funktioniert, ist eine andere Sache.

ROTTER: … damit es tatsächlich gelingt, zielorientiert eine Kreislaufwirtschaft umzusetzen, benötigen wir die richtigen Bewertungsmaßstäbe und -instrumente, mit denen wir Kreisläufe von Materialien über mehrere Lebenszyklen in ihren Auswirkungen beschreiben und bilanzieren können. Denn es ist wissenschaftlich nicht trivial zu sagen, welcher Kreislauf oder welche Kaskade ressourceneffizienter ist. Und welche Wirtschaftsweise wir letztendlich anwenden, hat nicht nur mit normativen Entscheidungen zu tun. Da sollte noch mehr ein gesellschaftlicher Diskurs stattfinden: Was ist uns eigentlich wichtig im Umweltschutz?

Welche Erwartungen verbinden Sie mit dem Kreislaufwirtschaftspaket?

ROTTER: Man muss das Kreislaufwirtschaftspaket als Konzept von dem eigentlichen Aktionsplan mit den konkreten Zeit- und Gesetzesinitiativen unterscheiden. Die konkreten Umsetzungsvorschläge – wenn beispielsweise Recyclingquoten um fünf Prozent erhöht werden, das lässt sich statistisch kaum messen – sind sicher noch nicht der große Wurf. Der größere Rahmen hat interessante Aspekte. Positiv für mich als Wissenschaftlerin ist, dass die Forschungsseite adressiert wird. Da besteht auch großer Bedarf, beispielsweise Akteure länderübergreifend in Projekten zusammenzubringen, die bisher noch nicht miteinander zu tun hatten. Und ich bin überzeugt davon, dass man sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene Projekte wertschöpfungskettenübergreifend anlegen kann. Ich erhoffe mir zudem, dass die Durchlässigkeit zwischen wissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen aus der Verbundforschung und der Politik größer wird.

WEBER: Mit dem Aktionsplan gibt die EU eine Orientierung für unsere Wirtschafts- und Lebensweise: Eine zirkuläre Wirtschaft wird offiziell als konkretes politisches Ziel benannt. Es wird klarer, in welche Richtung Fördergelder zu vergeben sind, beispielsweise in der Forschungs- und Innovationsförderung. Für Unternehmen bringt das ein Stück weit Planungssicherheit, um zu entscheiden, in was sie investieren sollen. Damit werden Wege frei für neue Geschäftsmodelle, die wir in einer zirkulären Wirtschaft benötigen.

Ein internationales Beispiel ist die Elektrifizierung in Afrika.

Prof. Dr.-Ing. Vera Susanne Rotter verantwortet an der TU Berlin das Fachgebiet „Kreislaufwirtschaft und Recyclingtechnologie“.

An was denken Sie da?

WEBER: Beispielsweise an den Verkauf von Service und Dienstleistungen an Stelle von Gütern: Jemand verkauft anstatt Lampen den Service, die benötigte Raumhelligkeit sicherzustellen – das hat es für ein niederländisches Verwaltungsgebäude schon gegeben. Vorteil im Sinne einer zirkulären Wirtschaft ist, dass das Unternehmen von einem geringen Ressourceneinsatz direkt profitiert und nicht vom Verkauf möglichst vieler Lampen. Wichtig dabei ist allerdings, dass solche Geschäftsmodelle und das Nutzerverhalten zusammengedacht werden: Am Ende des Tages sollten tatsächlich weniger Ressourcen eingesetzt worden sein. So ein Rundum-Beleuchtungsservice könnte ja auch dazu verführen, mehr Licht als wirklich benötigt anzufordern.

ROTTER: Ein internationales Beispiel ist die Elektrifizierung in Afrika. Da gibt es Unternehmen, die erfolgreich Licht und das Laden von Mobiltelefonen als Service verkaufen, die also ein großes Interesse daran haben, möglichst langlebige Produkte einzusetzen. Der Haken an der Sache: das Recycling und die Reparatur. Viele der Produkte stammen aus China, eine Rücklogistik ist kaum zu realisieren. Da ist der globale Markt zurzeit noch eher eine Barriere für die Kreislaufwirtschaft.

Wo sehen Sie die größten Barrieren?

WEBER: Es fehlen noch die Anreize: Ein Autohersteller beispielsweise, der auf Verbundstoffe verzichtet, weil die sich schlecht recyceln lassen, hat davon zunächst keinen Vorteil, sondern nur der spätere Entsorger und Verwerter. Wie also gelingt es, wenn jemand eine gute Idee hat, die Vorteile an ihn zurückzuspielen? Da werden neue Ansätze benötigt. Ein weiteres Problem ist das Zusammenspiel von vielen Akteuren. Wie soll ein einzelner Akteur – selbst wenn er eine gute Idee hat – den Stein ins Rollen bringen? Am Ende muss er mit vielen anderen Akteuren zusammenarbeiten, damit das Produkt am globalen Markt Bestand hat. Das kann ein einzelner nicht anstoßen.

ROTTER: Auch die Zeitdimension und Dynamik von Lebenszyklen ist eine Barriere: Wie schnell können wir in Richtung Kreislaufwirtschaft umstellen, wenn wir beispielsweise Bauteile im Gebäudebereich haben, die eine Lebensdauer von 60 bis 100 Jahren haben? Damit gestaltet sich der Wandel hin zur zirkulären Wirtschaft als ein langsamer und langwieriger Prozess. Kreisläufe zu gestalten, erfordert auch, dass die Wirtschaft eine bestimmte Sicherheit über einen festgelegten Zeitraum hat, dass diese Materialien als Sekundärrohstoffe verfügbar sind.

Das Prinzip der klassischen linearen Wirtschaft zugunsten einer zirkulären Wirtschaft aufzugeben, gleicht fast einer Revolution ...

WEBER: Es gibt ja keinen Kippschalter, den wir mal eben von Linearität auf Circular Economy umlegen. Wir müssen über Prozesse nachdenken, die sich über Jahrzehnte hinweg entwickeln und die ständig überdacht werden müssen, weil sich so viel ändert, auch die Rahmenbedingungen. Es ist ein dauerhafter Prozess, der alle gesellschaftlichen Kräfte betrifft. Ich sehe die beiden Modelle als gedachte Pole, um die Ziele für unsere zukünftige Wirtschafts- und Lebensweise besser definieren zu können. Es ist kein Entweder-oder, sondern eine Klarstellung, in welche Richtung es gehen soll.

Die Forschungs- und Innovationsförderung ist Wegweiser und Impulsgeber.

Michael Weber leitet den Geschäftsbereich „Nachhaltigkeit“ des Projektträgers Jülich.

Sollte die öffentliche Hand stärker in den Umstieg auf eine zirkuläre Wirtschaft einbezogen werden?

WEBER: Ja, weil die öffentliche Hand dem Gemeinwohl verpflichtet ist und am ehesten die Kreislaufwirtschaft als ein Ziel sieht, das der Gesellschaft einen Mehrwert bringt, während die Privatwirtschaft marktorientiert ist und im Wettbewerb steht. Es geht erst mal darum, Entwicklungen anzuschieben – das ist für die öffentliche Hand leichter.

Wie kann die Forschungsförderung eine zirkuläre Wirtschaft vorantreiben?

WEBER: Die Forschungs- und Innovationsförderung ist Wegweiser und Impulsgeber. Sie schafft Anreize, nach dringend benötigten Lösungen und neuen technischen Optionen zu suchen, die Deutschland und Europa auf dem Weg zu einer zirkulären Wirtschaft voranbringen. Fördermaßnahmen wie die des Bundesforschungsministeriums geben oft erst den Anstoß, über Einzellösungen hinaus eine neue Grundrichtung einzuschlagen. So können Fördermaßnahmen Puzzleteil für Puzzleteil liefern und damit zu einem großen neuen Gesamtbild beitragen.

Ziele der zirkulären Wirtschaft

Die zirkuläre Wirtschaft verbindet Kreislaufwirtschaft, Ressourcen- und Energieeffizienz sowie Ressourcenschonung. Im linearen Wirtschaftsmodell werden bei jedem Schritt Ressourcen, inklusive Energie, verbraucht, Abfälle und Emissionen entstehen und nur in wenigen Fällen findet Recycling statt.

Die zirkuläre Wirtschaft betrachtet das Ganze mit allen Ressourcen im Kreislauf. Gemeint sind sowohl natürliche Ressourcen (unter anderem Rohstoffe, Wasser, Fläche … ) als auch technisch-wirtschaftliche Ressourcen (zum Beispiel Werkstoffe oder Abwärme aus industriellen Prozessen).

Die Phasen des Kreislaufs einer zirkulären Wirtschaft

Die Grafik zeigt die Phasen des Kreislaufs einer zirkulären Wirtschaft: Design, Beschaffung, Produktion, Vertrieb, Nutzung  und Recycling.

Quelle: Projektträger Jülich, Forschungszentrum Jülich GmbH

Hinweis

Die Texte stammen aus dem Dossier „Zirkuläre Wirtschaft“ des PtJ-Geschäftsberichts 2017.

Redaktion:

  • Projektträger Jülich
  • Katja Lüers

Bildnachweise


  • Bild „Die Zukunft der Wirtschaft“: agnormark/iStock/thinkstock
  • Bild Prof. Vera Susanne Rotter und Michael Weber: Nils Günther-Alavanja
  • Bild Prof. Vera Susanne Rotter: Nils Günther-Alavanja
  • Bild Michael Weber: Nils Günther-Alavanja

 

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