MIT AUFWERTEN WIRD NACHHALTIGKEIT VIELFÄLTIG

Land ist lebenswichtig. Wir nutzen es für Wohnen, Mobilität, Freizeit, Ernährung sowie die Energie- und Rohstoffversorgung. Doch die Ressource Land wird weltweit immer knapper. Allein in Deutschland wird täglich die Fläche von weit mehr als 100 Fußballfeldern bebaut. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat in der Fördermaßnahme Innovationsgruppen für ein nachhaltiges Landmanagement neun Projekte gefördert, die zukunftsweisende und praktikable Lösungen für den nachhaltigen Umgang mit der Ressource Land erarbeitetet haben. In Zusammenarbeit mit dem Projektträger Jülich wählte das BMBF dabei ein innovatives Format, das dem Transfer von Innovationen in die Praxis zu neuer Dynamik verhalf. Die ausgewählten Teams sollten die Umsetzung ihrer Innovationskonzepte auch über den Förderzeitraum hinaus vorantreiben. Zwei Jahre nach Ende der Förderung erklären der Wissenschaftler Dr. Christian Böhm und sein Praxispartner, der Landwirt Thomas Domin, wie ihnen das gelungen ist. In ihrem Projekt AUFWERTEN haben die beiden sich mit Agroforstwirtschaft beschäftigt, einer umweltschonenden Kombination aus landwirtschaftlicher Nutzung und dem Anbau von Gehölzen.

Hier sitzen heute ein Forstwissenschaftler und ein Landwirt zusammen – zumindest virtuell. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

Domin: Lieber Christian, möchtest du das diesmal erzählen?

Böhm: Gerne, normalerweise machst du das ja immer. Es war so, dass uns im Vorbereitungsjahr auf die Innovationsgruppen klar wurde, dass ein Landwirtschaftsbetrieb als direkter Partner beteiligt sein muss, damit der Praxistransfer funktioniert. Und da habe ich einfach mal im Internet nach Landwirtschaftsbetrieben in Süd-Brandenburg geschaut und bin auf die ansprechende Internetseite von Thomas Domin gestoßen. Meine Hoffnung war, dass ich bei ihm mit meiner Idee nicht abblitze. Und tatsächlich habe ich einen Landwirt gefunden, der offen für neue Ideen war, was gerade im Bereich der Landwirtschaft häufig nicht selbstverständlich ist. Thomas war hier für mich als Innovationsgruppenleiter ein echter Glücksfall.

Domin: Ich kannte damals nicht einmal den Begriff Agroforstwirtschaft. Aber als mir Christian davon erzählte, war ich direkt Feuer und Flamme. Wir sind dann auch noch am selben Tag auf die Felder herausgefahren, haben uns mögliche Flächen angeschaut und herumgesponnen, wo wir die ersten Bäume pflanzen.

Wie konnte er Sie denn so schnell überzeugen? Ihr täglicher Terminplan als Landwirt mit eigenem Betrieb ist doch sicher schon gut gefüllt?

Domin: Wir haben genug zu tun, das stimmt schon. Ich bin aber Neuem gegenüber schon immer aufgeschlossen gewesen und habe geschaut, wo ich zusätzliches Einkommen generieren kann – auch weil es zunehmend schwieriger wird, eine gewinnbringende Landwirtschaft zu betreiben. Die Böden werden immer schwächer, die Witterungsverhältnisse immer extremer. Im Jahr 2000 sind wir mit einem eigenen Hofladen in die Direktvermarktung eingestiegen. 2005 haben wir eine Hochbiogas-Anlage gebaut. 2010 eine Photovoltaikanlage. So sind stetig neue Projekte dazugekommen. Und da kam mir die Idee der Agroforstwirtschaft gerade recht. Außerdem kam Christian nicht mit leeren Händen, sondern mit einer BMBF-Förderung, die uns erlaubte, einen weiteren Mitarbeiter einzustellen. So konnte ich mich dem Projekt widmen, während mein Betrieb weiterlief.

Agroforstwirtschaft – Nachhaltig durch Vielfalt

Mit dem Begriff Agroforstwirtschaft werden Landnutzungssysteme bezeichnet, bei denen Gehölze (Bäume oder Sträucher) mit Ackerkulturen und/oder Tierhaltung so auf einer Fläche kombiniert werden, dass zwischen den verschiedenen Komponenten ökologische und ökonomische Synergien entstehen. Die Vorteile dieser Landnutzungsform sind vielfältig. Um nur einige zu nennen: Die Bodenerosion der Felder wird durch den Windwiderstand der Bäume verringert, die Gehölze vermindern den umweltschädlichen Stoffaustrag, beispielsweise durch die Düngung, in Oberflächengewässer. Zudem gelangen unter den Bäumen deutlich weniger Nähr- und Schadstoffe in das Grundwasser. Außerdem kann der landwirtschaftliche Betrieb durch die Ernte und den Verkauf des Holzes ein weiteres Einkommen generieren.

Ein Praktiker und ein Theoretiker, die auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Wie hat das gekappt?

Domin: Alleine der Prozess, bis wir auf Arbeitsebene zusammengekommen sind, hat ein wenig gedauert. Wir haben einfach zwei unterschiedliche Sprachen gesprochen und wir mussten zunächst versuchen, uns zu verstehen. Auch wurde der Unterschied zwischen theoretischer und praktischer Arbeit sichtbar. Bei manchen Dingen dachte ich schon: Wie stellen die sich das vor? Wie soll das denn funktionieren? Und andersrum haben uns die Wissenschaftler nicht verstanden und gefragt: Warum soll das denn nun nicht in der Praxis funktionieren? Ich musste oft daran erinnern, dass wir hier in einem Reallabor arbeiten und nicht jedes Gramm genau bemessen können wie am Labortisch.

Böhm (lacht): Mir war das gar nicht so bewusst, dass du das so empfunden hast. Für mich waren die Unterschiede gar nicht so groß. Wobei ich auch sagen muss, dass ich von Anfang an versucht habe, die andere Seite zu verstehen oder eine Sprache zu wählen, die verständlich ist. Besonders, weil ich die Problematik aus anderen Projekten kenne. Viel zu häufig wird hier ein unterschiedliches Wording für die gleiche Sache benutzt. Ich glaube, letztendlich ist es uns gut gelungen, auch weil wir uns persönlich gut verstanden haben.

Drei Personen stehen auf einem Feld. v.l.n.r.: Thomas Domin, Robert Häussler (anderer Landwirt aus der Region) und Christan Böhm bei der Aussaat.

Thomas Domin (links) und Christian Böhm (rechts) bei der Aussaat.

Und Ihre Arbeit hat letztendlich Früchte getragen! Was haben Sie denn in der Region erreicht?

Böhm: Ich habe schon mehrere Jahre zu Agroforstwirtschaft geforscht und dabei immer ein wenig resigniert, wenn ich einen Bericht erstellt habe, der dann in irgendeiner Schublade verstaubt ist. In der Zusammenarbeit mit Thomas konnte ich zum ersten Mal wirklich sehen, ob die ganze Theorie überhaupt in der Praxis funktioniert. So habe ich beispielsweise zum ersten Mal etwas über die unternehmerischen Risiken erfahren, die sich für ein Unternehmen bei der Umsetzung einer solchen Idee auftun können. Diese ganz praktischen Erfahrungen konnten wir sehr gut in der Region streuen. Wir konnten vielen Leuten aus der Praxis zeigen, dass es einen Zugang zur Wissenschaft gibt und dass es sich lohnt, sich an Forschung zu beteiligen.

Domin: Diesen Punkt der Öffentlichkeitsarbeit haben wir in der Planung zunächst unterschätzt. Wir haben dann aber relativ schnell gemerkt, dass wir Praxis und Politik direkt ansprechen und mitnehmen müssen, damit wir etwas in der Region erreichen.

Böhm: Der hohe Praxisbezug ermöglichte es uns auch, sehr früh an die Politik heranzutreten und dort unsere Ideen vorzustellen. Das ist in Forschungsvorhaben eigentlich ein unübliches Vorgehen. Das ganze Projekt hat so eine gewisse Dynamik bekommen. Bereits ein halbes Jahr nach Projektbeginn hatten wir den brandenburgischen Landwirtschaftsminister auf dem Hof. Ansonsten geht es in der Region schrittweise voran und es interessieren sich immer mehr Landwirte für die Agroforstwirtschaft. Ein landwirtschaftlicher Betrieb, mit dem wir in einem anderen Projekt zusammenarbeiten, hat auch ein Agroforstsystem aufgebaut und Hühnerhaltung integriert. Wir verfolgen solche Entwicklungen mit den Forschungsprojekten und hoffen, dass es sich weiter verstetigt, auch ohne wissenschaftliche Begleitung. Das war ein Ziel von uns.

Domin: Aber auch in den Verbänden wurde das Thema sehr gut aufgenommen. Und man kann behaupten, dass nun sehr viele Landwirte mit Agroforstlandwirtschaft etwas anfangen können und sich damit beschäftigen.

Impulse für die Politik

Agroforstsysteme wurden in Deutschland bisher nicht gefördert, da es noch keine kontrollfähige Definition gab. Das AUFWERTEN-Team um Christian Böhm und Thomas Domin hat einen Vorschlag für eine Definition zur Aufnahme der Agroforstwirtschaft in das deutsche Agrarförderrecht eingebracht. In Brandenburg ist es Landwirtschaftsbetrieben daher nun möglich, an Gewässerrändern Gehölze anzubauen und im Sinne einer agroforstlichen Bewirtschaftung zu nutzen sowie im Bedarfsfall auch wieder zu entfernen. Damit wurde auf landwirtschaftlichen Flächen für die Bewirtschaftung von Gehölzen an Gewässerrändern Rechtssicherheit geschaffen. Voraussetzung für die agroforstliche Nutzung ist eine Genehmigung der zuständigen Wasserbehörde.

Neben der engen Zusammenarbeit von Praxis und Wissenschaft ist das Innovationskonzept eine Besonderheit der Maßnahme. Es soll die Übertragbarkeit der Ergebnisse gewährleisten. Wie ist dieses Handbuch bislang aufgenommen worden?

Böhm: Ich fange mal bei der Politik an. Wir haben das Innovationskonzept zum richtigen Zeitpunkt fertiggestellt. Damals kam es im Agrarausschuss des Bundestages zu einer Anhörung und wir haben die Gunst der Stunde genutzt, um allen Beteiligten unser Handbuch zu schicken. Ich denke, das hat dem einen oder anderen gezeigt, was möglich ist. Damit konnten wir auch zeigen, wo es noch stockt und hapert und wo politische und rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen. Letztendlich haben wir erreicht, dass die Agroforstwirtschaft in das deutsche Agrarförderrecht aufgenommen wurde und als Ökoregelungsmaßnahme gefördert werden soll. Das hätten wir uns vor drei oder vier Jahren nicht erträumen können.

Domin: Mit Praktikern müssen wir eher auf die Felder gehen und ihnen zeigen, um was es geht. Kein Landwirt wird das Handbuch abends im Bett lesen und sich dann für Agroforstwirtschaft entscheiden. Aber wenn er sich entschieden hat, Agroforstwirtschaft zu betreiben, ist das Innovationskonzept ein guter Leitfaden.

Böhm: Und was die Forschung angeht: Wir haben bereits einige Anfragen von anderen Projekten bekommen, die sich mit dem Thema beschäftigen und spezielle Fragen beantworten möchten. Hier haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir einfach schon viele Fragen untersucht und beantwortet haben. Da können wir immer auf das Handbuch verweisen. Dort stehen viele Antworten drin.

Bringt diese Art der Förderung denn eine neue Dynamik in das Innovationsgeschehen?

Böhm: Aus meiner Sicht war es ein Format, dass den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis wirklich verstärkt hat. Das ist eine ganz wichtige Grundlage dafür, dass neue Ideen als Innovationen weitergetragen werden. Man muss aber auch sagen, dass der Erfolg eines Projektes sehr stark von den beteiligten Akteurinnen und Akteuren abhängt. Hier hatten wir im Projekt eine hervorragende Grundlage. Alle Beteiligten wollten das Thema wirklich voranbringen und dadurch hat jedes Mitglied der Innovationsgruppe mehr geleistet, als eigentlich vorgesehen.

Wie geht es mit Ihrem Projekt weiter?

Böhm: Mit der Gründung des Deutschen Fachverbands für Agroforstwirtschaft wollen wir die Verstetigung weiter voranbringen. Und natürlich haben wir auch weiter versucht, an eine Projektförderung heranzukommen. So haben Thomas und ich ein gemeinsames Projekt im Rahmen der BMBF-Initiative WIR! gestartet. Ich bin froh, dass ich Thomas weiterhin an meiner Seite habe und wir bereits ein System haben, dass wir untersuchen können. Denn die Bäume stehen ja schon und wir müssen nicht bei null anfangen.

Ein Mährdrescher fährt über ein Feld. Direkt am Feld stehen diverse Bäume und Pflanzen.

Fokusthema Regionale Innovationsförderung


Bildnachweise


  • Bild „Mit Aufwerten wird Nachhaltigkeit vielfältig“: © zorandim75 – stock.adobe.com
  • Bild „Aussaat“: BTU Cottbus-Senftenberg
  • Bild „Mähdrescher“: Christian Böhm

Hinweise


Die Texte stammen aus dem Dossier „Regionale Innovationsförderung“ des PtJ-Geschäftsberichts 2021.
Redaktion:

  • Projektträger Jülich, Forschungszentrum Jülich GmbH
  • PRpetuum GmbH

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