Die Energiewende gemeinsam gestalten

Die Energiewende ist das vielleicht ambitionierteste Projekt der deutschen Politik für die kommenden Jahrzehnte. Die Energieversorgung Deutschlands muss dafür völlig umgestellt werden – sowohl mit Blick auf die Energiequellen als auch in Bezug auf die Infrastruktur. Damit das gelingt, müssen neben technischen Lösungen auch andere Aspekte berücksichtigt werden.

Ohne Akzeptanz in der Gesellschaft, ohne Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger ist das Projekt Energiewende nicht zu schaffen. Deren Bedürfnisse und Erwartungen, ihr Wunsch nach Beteiligung und Gerechtigkeit müssen bei der Transformation des Energiesektors angemessen reflektiert und berücksichtigt werden: „Neue Technologien verändern nicht nur das Landschaftsbild, sie kosten auch Geld“, sagt Claudia Hein vom Geschäftsbereich Energie Grundlagenforschung des Projektträgers Jülich (PtJ): „Wenn die Wende gelingen soll, müssen wir rechtzeitig überlegen, wie man für die nötigen Veränderungen die Akzeptanz in der Bevölkerung stärken kann.“ Denn obwohl die Mehrheit der Bevölkerung eine grundsätzlich positive Einstellung zur Energiewende hat, treten bei konkreten Projekten immer wieder Konflikte auf, etwa wenn es um den Verlauf neuer Stromtrassen oder den Bau von neuen Anlagen geht. Die zentralen Fragen sind also: Wie können Bürgerinnen und Bürger sowie zivilgesellschaftliche Akteure aktiv in den Transformationsprozess
eingebunden werden? Und wie lässt sich dieser Prozess demokratieverträglich steuern?

Um die sozial-ökologischen Perspektiven und Folgen der Energiewende genauer zu beleuchten, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Förderbekanntmachung Umwelt- und gesellschaftsverträgliche Transformation des Energiesystems initiiert. Sie ist Teil des 6. Energieforschungsprogramms der Bundesregierung und des Rahmenprogramms Forschung für Nachhaltige Entwicklung (FONA). 2012 startete dafür das Auswahlverfahren – von Anfang an mit Beteiligung von PtJ. Der Projektträger unterstützte das BMBF bei der Auswahl der eingegangenen Projektskizzen und beriet die Antragsteller anschließend bei der inhaltlich-konzeptionellen Ausarbeitung der Projektanträge.

Ein Kriterium für eine positive Begutachtung der Anträge war die Absicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, im Rahmen ihres Forschungsvorhabens Strategien zu erarbeiten und zu erproben, mit denen sich die Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern und anderer relevanter Akteure am Transformationsprozess stärken lässt. Vor allem regionale Akteure sollten in den Diskurs zum Umbau des Energiesektors einbezogen werden. „Über exemplarische Ansätze sollen am Ende allgemeine und übertragbare Erkenntnisse zur Durchführung von Partizipationsprozessen gewonnen werden“, erläutert Hein.

Damit die Fördermaßnahme diesen Anspruch erfüllen kann, wurde ein Begleitvorhaben – eine „Wissenschaftliche Koordination“ – initiiert. Es soll weniger eigene Forschung betreiben, als vielmehr wissenschaftliche Synthese- und Transferleistungen erbringen. Ziel ist es, einen Überblick über die Ergebnisse der Fördervorhaben beim Aspekt Partizipation zu bekommen: „Die Ergebnisse werden in den Forschungsstand eingeordnet und bewertet“, sagt Hein: „Dabei wird unterschieden zwischen der Untersuchung von Beteiligungsprozessen, Handlungsrationalitäten der Akteure, aber auch zwischen rechtlichen Rahmenbedingungen und Instrumenten der Beteiligung beziehungsweise der Gestaltung von Beteiligungsprozessen.“

Von größter Bedeutung ist es natürlich, möglichst konkret zu werden – nur dann sind Folgerungen für die Praxis möglich: Deshalb werden aus den Projekten Fallbeispiele für gelungene Partizipation herausgezogen. „Wenn man diese dann im Kontext des Forschungsstandes betrachtet, wird klar, welche neuen Formen der Partizipation und Mitgestaltung erarbeitet worden sind“, so Hein: „Wir gewinnen zudem Erkenntnisse über die Rollen und die Interessen der beteiligten Akteure. Aber auch neue Beteiligungskulturen mit ihren Mechanismen und Maßnahmen zur Gestaltung von Partizipationsprozessen werden sichtbar.“

Beteiligungsprozesse professionalisieren

Antworten auf praxisrelevante Fragen sollen helfen, die Gestaltung von Bürgerbeteiligungsprozessen in Zukunft zu professionalisieren: Welche Instrumente zur Qualitätskontrolle von Beteiligungsprozessen sind neu entstanden – oder müssen weiterentwickelt werden? Wie könnten Beteiligungsverfahren stärker institutionalisiert werden und damit einen insgesamt verbindlicheren Charakter erlangen? „Mit diesem breiten Spektrum an Forschungsfragen kann Partizipation im Umfeld Wissenschaft, Technologie und Innovation erheblich vorangebracht werden“, ist sich Hein sicher.

Bis zum Abschluss der Förderphase 2016 koordiniert PtJ die Projekte sowohl inhaltlich als auch administrativ und ist in die Organisation der jährlichen Statuskonferenzen involviert. Dort werden mit allen Projektpartnern zentrale Ergebnisse identifiziert und gezielte Transferstrategien entwickelt. Neben dem Projektmanagement nimmt die kontinuierliche Aufbereitung von aktuellen Projektergebnissen zur Information des BMBF einen hohen Stellenwert ein.

PtJ betritt mit der Begleitung der Förderbekanntmachung Neuland. „Bisher lagen unsere Schwerpunkte eher im Bereich naturwissenschaftlicher und technologischer Fragestellungen“, sagt Hein. „Mit der sozial-ökologischen Forschung und dem Bereich‚ gesellschaftliche Innovationen erweitern wir unsere Kompetenzen um ein politisch sehr relevantes Forschungsfeld.“

Transformation des Energiesystems

Die Energiewende in Deutschland leitet einen Paradigmenwechsel bei der Energieversorgung ein: Künftig zielt die Energiepolitik weniger darauf ab, hohe Reservekapazitäten vorzuhalten als vielmehr Energie an den momentanen Bedarf angepasst zur Verfügung zu stellen. Diese Energie soll möglichst umweltfreundlich erzeugt werden, die Versorgungsnetze müssen ausgebaut, neue Techniken der  Energiebereitstellung etabliert sowie Strukturen dezentralisiert und regionalisiert werden.

Die Energiewende ist damit auch ein gesamtgesellschaftliches Projekt. Wie das Energiesystem umwelt- und gesellschaftsverträglich umgebaut werden kann, untersuchen 33 Forschungsverbünde, die mit 30 Millionen Euro vom BMBF gefördert werden.

Begleitet vom Projektträger Jülich (PtJ) und dem Projektträger im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (PT-DLR) arbeiten die beteiligten Forscherinnen und Forscher und ihre Partner aus der Praxis auf drei zentralen Themenfeldern. Sie untersuchen:

  • Entwicklungsoptionen für das Energiesystem, wobei sie auch ökonomische Szenarien im Blick haben,
  • wie die gesellschaftliche Beteiligung an den nötigen Umbauprozessen gestärkt und die Akzeptanz der Ergebnisse gefördert werden kann und 
  • wie die Transformationsprozesse gesteuert werden können.

PtJ betreut und berät zwölf der geförderten Verbundprojekte, so zum Beispiel AKZENTE, EnGeno und SW-Agent. In ihrer Arbeit spielt das Thema Partizipation eine wichtige Rolle.

Akzente

Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien wird es künftig zu stärkeren Schwankungen in der Energieerzeugung kommen. Um die Stromversorgung zu sichern, werden Ausgleichstechnologien benötigt, etwa Biogasanlagen, Pumpspeicherkraftwerke, Batterien oder Mini-Blockheizkraftwerke. Mit deren gesellschaftlicher Akzeptanz beschäftigt sich das Projekt AKZENTE. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Institut für ZukunftsEnergieSysteme (IZES gGmbH) und dem Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT entwickeln tragfähige Energieausgleichskonzepte und diskutieren ihre Umsetzung mit regionalen Akteuren in Modellregionen.

So liegt für Karlsruhe bereits ein Ausgleichskonzept vor, das in vier Varianten unterschiedliche Schwerpunkte bei der Anlagenauswahl setzt: „Nun muss ermittelt werden, welche der Ausgleichsoptionen vor Ort umsetzbar wären und wo mögliche Hemmnisse und Konfliktfelder liegen“, sagt Dr. Ulrike Ehrenstein vom Fraunhofer UMSICHT. An einem Praxisstandort in Dresden erprobt die Agentur Orangequadrat, wie sich regionale Akteure an der Umsetzung beteiligen lassen. Dafür ermittelten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Beispiel, welche Einstellung Immobilieneigentümerinnen und -eigentümer zur Energiewende haben, welche Ausgleichstechnologien ihnen bekannt sind und wie hoch ihre Beteiligungsbereitschaft für die Umsetzungsprozesse ist.

„Letztlich wird ein Ausgleichskonzept einen Technologiemix beinhalten, bei dem sowohl Aspekte der Ökonomie als auch einer nachhaltigen Energieversorgung zum Tragen kommen und der unterschiedliche Handlungsoptionen für die Region bietet“, erläutert Ann-Katrin Becker vom IZES. „Man muss dann gemeinsam entscheiden: Was ist ein gangbarer Weg für unsere Region?“

EnGeno

Energiegenossenschaften sind in Deutschland im Aufwind. Ihre Rolle bei der Transformation des Energiesektors untersucht das Verbundprojekt EnGeno. In der genossenschaftlichen Organisationsform steckt ein enormes Transformationspotenzial für das Energiesystem, meint Dr. Irene Antoni-Komar von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, die das Projekt koordiniert. „Die Energiegenossenschaften sind ökologisch, regional, dezentral und bürgergetragen – und damit ein echtes Vorbild für eine Bürger-Energiewende.“

Bis zum Jahr 2013 wurden mehr als 880 Energiegenossenschaften allein in Deutschland gegründet. Was aber bewegt Bürgerinnen und Bürger dazu, eine Genossenschaft zu gründen? Wie wirken sich technische, wirtschaftliche, rechtliche oder soziale Rahmenbedingungen auf die Entstehung und den Betrieb von Energiegenossenschaften aus? Wie kann man die Genossenschaften stabilisieren und ihre Verbreitung begünstigen? Das sind einige der wesentlichen Fragestellungen, die die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler innerhalb des Verbundprojekts untersuchen. Zentrale Bestandteile des Projekts sind Befragungen von und Workshops mit den Energiegenossenschaften. „Die Erfahrungen aus den Workshops spiegeln auch zurück in unsere Forschung“, sagt Antoni-Komar. „Forschung bekommt hier eine ganz neue Funktion. Sie steht nicht mehr oben drüber, sondern steckt mittendrin. Wir nehmen auf, welche Fragen die Energiegenossenschaften berühren und welche Strategien sie verfolgen.“

Die Erkenntnisse sollen schließlich über einen Praxistransfer evaluiert werden. Dazu wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Hannover eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürger begleiten, die die Gründung einer Energiegenossenschaft planen.

SW-Agent

SW-Agent, ein Verbundprojekt der Technischen Universität Berlin, der Universität Hohenheim und mehrerer Praxispartner, widmet sich der Rolle von Stadtwerken in der Energiewende. Diese befinden sich gegenwärtig in einer Konfliktsituation: „Aus der Sicht der Stadtwerke beschneidet die Energiewende zunehmend ihr klassisches Geschäftsmodell: den mengenbasierten Verkauf von Energie. Für viele Menschen sind die rund 1.000 kommunalen deutschen Stadtwerke aber so etwas wie das Gesicht der  Energiewirtschaft. Sie sind regional verankert, gut vernetzt und haben einen enormen Glaubwürdigkeitsvorteil“, erläutert Markus Graebig von der TU Berlin.

Um zu untersuchen, wie die Stadtwerke diese Konfliktsituation bewältigen und mit welchen neuen Geschäftsmodellen sie die Energiewende eventuell mitgestalten können, befragen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Akteure aus dem Umfeld der Stadtwerke und veranstalten Workshops mit Fachleuten, Kundinnen und Kunden. Ziel ist es, die Interaktionen der beteiligten Akteure besser zu verstehen und die Rolle der Stadtwerke inmitten der teils widersprüchlichen Interessen von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zu beleuchten.

Erste Ergebnisse der Befragungen zeigen, dass Akzeptanz und Partizipation in dem oft als unüberschaubar empfundenen Energiesektor eine herausragende Rolle spielen. „Das ist bei der Suche nach neuen Geschäftsfeldern eine große Chance für die Stadtwerke“, sagt Graebig. Mithilfe eines Computermodells soll nun simuliert werden, wie sich verändernde Marktvariablen oder politische Rahmenbedingungen auf die verschiedenen potenziellen Geschäftsmodelle auswirken.

Hinweis

Die Texte stammen aus dem Dossier „Partizipation in der Forschungs- und Innovationsförderung“ des PtJ-Geschäftsberichts 2014.

Redaktion:

  • Projektträger Jülich
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Bildnachweise


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