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KLIMASCHUTZ IN KOMMUNEN

Deutschland trägt eine besondere Verantwortung für den weltweiten Klimaschutz und hat bereits umfangreiche Maßnahmen ergriffen. Um die vereinbarten CO2-Einsparungen zu erreichen, sind jedoch weitere Anstrengungen notwendig. Diese sind im „Klimaschutzplan 2050“ der Bundesregierung angelegt und wurden 2019 durch das „Klimaschutzprogramm 2030“ konkretisiert sowie gesetzlich umgesetzt. Während die Bundesregierung im „Klimaschutzplan 2050“ Sektorziele für die Emissionsminderung festgelegt hat, verbindet das „Klimaschutzprogramm 2030“ sektorbezogene und übergreifende Maßnahmen. Dabei sind Forschung und Entwicklung sowie Innovationen grundlegende Voraussetzungen, um die ambitionierten Klimaschutzziele zu erreichen. Sie stoßen zusätzliche Dynamiken an und erschließen neue Potenziale. Maßnahmen in Forschung und Innovation sollen technologische Entwicklungen einschließen, aber auch systemische, gesellschaftliche und ökonomische Ansätze berücksichtigen. Innerhalb der Sektoren Energie, Industrie, Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft sollen die verschiedenen Maßnahmen zudem in einer engen Verzahnung wirken, um Synergien zu bündeln und Potenziale zu heben. Eine besondere Bedeutung für den Klimaschutz nimmt die Kreislaufwirtschaft ein. Ausgehend von einer Modellkommune betrachtet das Fokusthema „Klimaschutz“ die Sektoren Energie, Industrie, Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft sowie die Kreislaufwirtschaft. Im Mittelpunkt stehen vom Projektträger Jülich (PtJ) betreute Projekte, die Kommunen auf dem Weg in die Klimaneutralität 2050 unterstützen.

DIE NULL-EMISSIONS-GEMEINDE

In Sprendlingen-Gensingen ist Klimaneutralität ein Lebensstil, jetzt und künftig. Die rheinhessische Verbandsgemeinde steuert CO2-Ausstoß, Abfall, Abwasser und Landverbrauch gen null. Sie nutzt Reste als Ressourcen und wirtschaftet in Kreisläufen. Ihre Null-Emissions-Strategie entstand gemeinsam mit Forschenden vom Umwelt-Campus Birkenfeld.

Kornblumen, möglicherweise. Wiesensalbei, wilder Oregano. All die Blüten, Sträucher und Kräuter, die Nahrung und Lebensraum für Bienen, Schmetterlinge, für vielerlei Insekten und Vögel sind. Sie wachsen inmitten der Dörfer und Städte, entlang der Straßen und Bahngleise. Auf Friedhöfen und in Gärten. Sie wachsen als vielfarbige Zeichen einer Region, die sich grüner Lebensqualität verschrieben hat. Auf einer Bürgerschaftsversammlung entstand diese Idee eines urwüchsigen Netzes im urbanen Raum, das nun wachsen soll.

Sprendlingen-Gensingen. Verbandsgemeinde mit zehn Ortsteilen in einer Landschaft aus Weinbergen, die die Menschen gern „Rheinhessische Toskana“ nennen. Autobahnanschluss nach Frankfurt/Main, rund 70 Kilometer nordöstlich. Zehn eigenständige Städte und Dörfer mit Fachwerkhäusern, kleinen Gasthöfen, Wanderwegen und Feldern. 15.000 Menschen leben auf 56 Hektar Rheinland-Pfalz.

Bis zum Jahr 2030 will Sprendlingen-Gensingen Null-Emissions-Gemeinde werden. Der etwas sperrige Titel bezeichnet ein Konzept, das weit mehr umfasst als Null-CO2-Ausstoß. Der gesamte Abfall aus Alltag und Wirtschaft soll gen null sinken – durch Reduzieren, Ausgleichen, Neunutzen. Durch regionale Kreisläufe von Energie, Wasser und Rohstoffen, die nachhaltig sind und Gewinn bringen.

Grüne Lebensqualität

Sprendlingen-Gensingen startet im Jahr 2011 gen grüne Null, zu einem Zeitpunkt, da das Thema Klimawandel allenfalls Thema in Fachkreisen ist. „Global denken, lokal handeln“, nennt Bürgermeister Manfred Scherer als Handlungsmaxime. In fünfjähriger Arbeit entsteht gemeinsam mit den Forschenden vom Institut für angewandtes Stoffstrommanagement (IfaS) am Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier das Null-Emissions-Konzept.

„Das Konzept ist inzwischen die Grundlage jeglicher Entscheidung der Verbandsgemeinde“, sagt Nachhaltigkeitsmanagerin Heike Müller. Gemeinsam mit der Klimaschutzmanagerin Vivienne König und dem Klimaschutzmanager Andreas Pfaff steuert sie den Wandel, Schritt für Schritt, Baustein für Baustein. Die wilden Inseln im urbanen Raum mit Kornblumen, Wiesensalbei und Co. sind eines der jüngsten Vorhaben.

Und ein Beispiel dafür, wie Null-Emission Gewinn bringt. Auf unbebauten Flächen entsteht Natur, die Artenvielfalt erhält, gutes Klima schafft und Lebensqualität erhöht. Demnächst erhält ein Teil des Flüsschens Wiesbach sein grünes Bett zurück.

Wohnmodelle der Zukunft

„Es stecken viele Potenziale im Null-Emissions-Konzept“, sagt Bürgermeister Scherer. „Der Tourismus profitiert davon. Man kann auch finanzielle Vorteile daraus schöpfen.“ Und nicht zuletzt: „Die Zufriedenheit der Menschen in einer Region mit hoher Umweltqualität steigt.“ Es steigt auch die Zahl derjenigen, die in die Region ziehen wollen. In der Ortsgemeinde Gensingen entsteht ein Null-Emissions-Wohngebiet, gewissermaßen ein Modellquartier des Konzepts. Wohnungen für 400 Menschen verschiedener Generationen soll es vereinen, eine Kita, einen Laden. Ein Mix aus Ein- und Mehrfamilienhäusern, Eigentums- und Genossenschaftsbau.

Das Quartier wird klimaneutral, mit autarker Energie- und Wärmeversorgung. Auf jedem Dach fangen Solaranlagen die Sonnenenergie ein. Auch ein Carport mit Ladestellen für 30 Elektroautos trägt ein Solardach, das die Straßenbeleuchtungspeist.

Natürlich voller Energie

Dieser Satz ziert die Energieagentur in der Hauptgemeinde Sprendlingen. Hier beraten Heike Müller, Andreas Pfaff und Vivienne König (v. l. n. r.) zu allen Fragen von Nachhaltigkeit und Energieeffizienz.

Voll natürlicher Energie

Natürlich voller Energie. Der Satz ziert die Energieagentur in der Hauptgemeinde Sprendlingen. Hier arbeiten die drei Klimafachleute Müller, Pfaff und König, beraten zu allen Fragen von Nachhaltigkeit und Energieeffizienz, stoßen Null-Emissions- Initiativen und Mitmachprojekte an. Nebenan lädt das Tourismusamt zum Entdecken der Weinlandschaft. Derweil wächst die natürliche Energieversorgung. Seit 2018 bereits kommt der Strom für die kommunalen Einrichtungen komplett aus erneuerbaren Quellen. Ein genossenschaftlicher Solarpark versorgt einen Teil der Haushalte mit Sonnenenergie. Vier Windkraftanlagen sind neu entstanden, viele Dächer mit Photovoltaik bestückt. Die Straßenbeleuchtung in allen zehn Ortsgemeinden ist auf energiesparende LED-Leuchten umgestellt.

Demnächst sollen die Gebäude in allen Ortszentren gen grüne Null gerichtet werden. Auch die Wärmeversorgung soll sauber werden, gefördert mit Quartierskonzepten und durch Nahwärmemodelle. Am guten Klima wirken alle mit: Der kommunale Energieversorger wirbt für 100 Prozent Ökostrom und 100 Prozent Biogas aus der Region und belohnt den Wechsel mit einer Spende für einen gemeinnützigen Verein.

DAS NULL-EMISSIONS-KONZEPT

Die Strategie reduziert die Emissionen von Energie, Wasser, Rohstoffen und Land gen null: Durch Kreislaufwirtschaft, neue Wertschöpfungsketten, Klima- und Umweltschutz sowie nachhaltige Landnutzung. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ermöglichte das Konzept mit dem Programm Forschung für Nachhaltige Entwicklung (FONA3). Der Projektträger Jülich (PtJ) begleitete inhaltlich und administrativ.

Grün Mobil

Natürlich voller Energie – der Schriftzug steht auch auf dem Elektroauto der Verbandsgemeinde. Vormittags fahren die Angestellten der Verwaltung damit. Nachmittags und an den Wochenenden nutzen die Bürgerinnen und Bürger es via Carsharing. Mit einem weiteren Elektrofahrzeug chauffieren Ehrenamtliche ältere Menschen. Dem Bürgerbus soll ein mobiler Dorfladen folgen. Ein Elektromobil bringt dann Obst, Gemüse, Brot und Milch vor die Haustür – und ersetzt die Fahrt im eigenen Pkw in die Supermärkte. Die grüne Mobilität als Win-win-Situation für alle. Mit dem Comic eines Öko-Tante-Emma-Ladens begeistert Nachhaltigkeitsmanagerin Heike Müller im Amtsblatt ehrenamtliche Fahrerinnen und Fahrer.

Reste als Ressourcen

Baustein für Baustein entsteht die nachhaltige, klimaneutrale Kommune. Die Strategie der Kreislaufwirtschaft, die Reste als Ressourcen nutzt, soll im gemeindeeigenen Ressourcenzentrum Realität werden. Hier sammelt Sprendlingen-Gensingen Abfälle wie Grünschnitt oder Holzreste und verarbeitet sie in einer Biogasanlage zu Energie für die Gemeinde. Der Überschuss wird verkauft.

Das Ressourcenzentrum, das in den kommenden Jahren an einem zentralen Ort eröffnet werden soll, ist dann auch Anlauf- und Dienstleistungsstelle für die Bürgerinnen und Bürger: Mit Repair-Café und Werkstatt, mit Tauschbörsen und Handy-Sammelstelle. Auch Klärschlamm aus dem Abwasser kann hier aufbereitet werden: zu organischem, ökologischem Dünger für Landwirtschafts- und Weinbaubetriebe.

Öko-Hip-Hop, Klima-Grafitti

„Es gibt keinen Planeten B.“ Auf die Wände eines Eisenbahn-Tunnels zwischen Sprendlingen und Gensingen haben Jugendliche zwei Welten nebeneinander gestellt: eine Welt ohne und eine mit Klimaschutz. In der ersten malt ein Eisbär einem anderen das Fell schwarz. In der zweiten sonnt sich eine grüne Landschaft unter Windkraftanlagen. Diese Graffitis und ein HipHop-Sound sind aktuelle Beiträge von Kindern und Jugendlichen zur Null-Emissions-Gemeinde. Auch Obststräucher und -bäume als essbares Grün für alle haben die Jugendlichen in die Weinlandschaft gepflanzt.

KLIMASCHUTZ VOR ORT – DIE KOMMUNALRICHTLINIE

In Kommunen und im kommunalen Umfeld liegen große Potenziale zur Minderung von Treibhausgasen. Die Möglichkeiten zur Umsetzung kommunaler Klimaschutzmaßnahmen sind dabei vielfältig. Mit der Richtlinie zur Förderung von Klimaschutzmaßnahmen im kommunalen Umfeld werden Anreize zur kostengünstigen Erschließung von Minderungspotenzialen in Kommunen verstärkt. Die Minderung von Treibhausgasemissionen wird beschleunigt und messbare Treibhausgaseinsparungen werden realisiert.

Die sogenannte Kommunalrichtlinie ist dabei das bedeutendste Förderprogramm des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) zur Förderung von strategischen und investiven Maßnahmen im kommunalen Klimaschutz.

Seit 2008 wurden bereits mehr als 16.650 Projekte in über 3.650 Kommunen gefördert. Neben Städten, Gemeinden und Landkreisen werden auch Kitas, Schulen, Jugendwerkstätten sowie Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe gefördert, zudem Hochschulen, Religionsgemeinschaften und derenStiftungen, außerdem Betriebe, Unternehmen und Organisationen mit mindestens 25 Prozent kommunaler Beteiligung. Darüber hinaus gehören Sportvereine mit Gemeinnützigkeitsstatus, kulturelle Einrichtungen und Werkstätten für behinderte Menschen zu den Zuwendungsempfängerinnen und -empfängern. Für einzelne Förderschwerpunkte bestehen darüber hinaus weitere Antragsberechtigungen.

Die Kommunalrichtlinie umfasst 16 Förderbereiche mit rund 50 Förderschwerpunkten zu ausgewählten Teil- themen. Die Beratung zu klimaschützenden Maßnahmen reicht von der Einzelmaßnahme bis zur Erstellung eines umfassenden strategischen Klimaschutzkonzeptes, das von Klimaschutzmanagerinnen und -managern vor Ort umgesetzt wird. Diese Konzepte bilden die strategische Grundlage für kurz- und mittel-, aber auch langfristig umzusetzende Maßnahmen weiterer koordinierter Aktivitäten von Klimaschutzkommunen. 

Modellkommune

Modellkommune

Quelle: Projektträger Jülich (PtJ)

Auf dem Weg in die Klimaneutralität

Klimaschutz beginnt in Kommunen. Die rheinhessische Verbandsgemeinde Sprendlingen-Gensingen hat sich als Null-Emissions-Gemeinde bereits auf den Weg in die Klimaneutralität gemacht. Sie verknüpft Kreislaufwirtschaft, neue Wertschöpfungsketten, Klima- und Umweltschutz sowie nachhaltige Landnutzung.

Ausgehend von einer Modellkommune werden im Fokusthema „Klimaschutz“ Projekte betrachtet, die Kommunen beispielgebend auf dem Weg in die Klimaneutralität 2050 begleiten können. Die Beispiele stammen aus den Sektoren Energie, Industrie, Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft sowie aus der Kreislaufwirtschaft. Gemeinsam sollen sie in einer engen Verzahnung wirken, um Synergien zu bündeln und Potenziale zu heben.

Bildnachweis


Bild „Klimaschutz in Kommunen“: ©TIMDAVIDCOLLECTION - stock.adobe.com

Bild von Heike Müller, Andreas Pfaff und Vivienne König: Annegret Hirschmann

Bild: „Das Null-Emissions-Konzept“ : ©Kamil - stock.adobe.com

Bild: „Klimaschutz vor Ort – Die Kommunalrichtlinie“ :©Pixelot - stock.adobe.com

3D-Darstellung einer Modellkommune: Projektträger Jülich (PtJ)

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