INNOVATIONSWELTMEISTER UND WIE GEHT ES WEITER?

Kein Land ist so innovationsfähig wie Deutschland – und doch gibt es noch viel zu tun, um eine lebendige und offene Innovations- und Wagniskultur zu etablieren. Die Hightech-Strategie 2025 der Bundesregierung und die Transferinitiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) geben dafür einen Fahrplan vor – der Projektträger Jülich (PtJ) unterstützt sie dabei.

Deutschland ist Innovationsweltmeister – diese Nachricht schaffte es im vergangenen Herbst in die Schlagzeilen und sorgte für kontroverse Diskussionen. Laut dem Globalen Wettbewerbsbericht, den das Weltwirtschaftsforum alljährlich vorlegt, sind deutsche Unternehmerinnen und Unternehmer risiko- und innovationsfreudig; dazu trägt die Bundesregierung bei, die im Bundeshaushalt hohe Fördermittel für Forschung und Entwicklung bereitstellt. Deutschland hat in den vergangenen Jahren als Standort für Forschung und Innovation an Attraktivität, Leistungsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit weiter zugelegt.

Deutschland ist also unschlagbar bei der Innovationsfähigkeit. Das sind beste Voraussetzungen, um international wettbewerbsfähig  zu bleiben, aber kein Grund, sich auszuruhen. Denn das Gutachten offenbart eine Schwäche, die längst kein Geheimnis mehr ist: Deutschland hinkt bei der Nutzung von Informationstechnologien und bei der Markteinführung von Innovationen hinterher. Dabei gehören Digitalisierung und Innovationen zweifelsohne zusammen. Unternehmen, die technologische und konzeptionelle Innovationen hervorbringen und sich die digitalen Prinzipien zu eigen machen, verschaffen sich am Markt einen Wettbewerbsvorteil. Wem es gelingt, mobile und vernetzte Produkte zu liefern, der macht den Weg frei für neue Geschäftsmodelle, die auf digitalen Technologien basieren. Längst betrifft die Digitalisierung nicht mehr nur klassische IT-Unternehmen, sondern Unternehmen quer durch alle Branchen und Sektoren: Das Spektrum reicht von der industriellen Produktion über die Energieversorgung und das Transportwesen bis hin zu Bildung und Gesundheit.

Und so gehört der Fortschritt der Digitalisierung – neben Kreislaufwirtschaft, Sozialen Innovationen und Gesellschaftswissenschaften – zu den Querschnittsthemen der Hightech-Strategie 2025 (HTS 2025), die die Bundesregierung im September 2018 verabschiedet hat. „Mehr denn je geht es darum, die Chancen des digitalen Wandels zu nutzen“, sagt Dr. Stephanie Bauer, die PtJ seit Ende 2018 leitet. „Die Expertenkommission Forschung und Innovation, kurz EFI, begrüßt in  ihrem aktuellen Gutachten zu Recht, dass die digitale Transformation in der HTS 2025 prominent berücksichtigt wird, mahnt aber auch an, die angekündigten Maßnahmen rasch umzusetzen“, so Bauer weiter. Dazu zählt unter anderem die Vorgabe, bis zum Jahr 2025 Mittel in Höhe von 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung aufzuwenden – ein klarer finanzieller Rahmen, auf den sich private Unternehmen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Hochschulen bei der zukünftigen Investitions- und Personalplanung einstellen können. Im EFI-Gutachten heißt es dazu:

 „Wir wollen Mut machen, selbst  unternehmerische Verantwortung zu  übernehmen und technologische oder  gesellschaftliche Neuerungen zu entwickeln. Wir unterstützen neue Wege  der gemeinsamen Ideenfindung und neue Formen, Wissen zu erwerben und zu teilen. Auf diese Weise ermöglichen wir die Neugestaltung und Öffnung von Innovationsprozessen. Innovationsimpulse sollen verstärkt von Bürgerinnen und Bürgern sowie der Vielfalt unternehmerischer Aktivität ausgehen.“

Die PtJ-Leiterin sieht die Forschungs- und Innovationsförderung dabei in einer entscheidenden Position: „Wir setzen für die Bundesregierung bereits eine Reihe an Fördermaßnahmen um, die die Innovationskultur in Deutschland stärken sollen.“ So hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) über die vergangenen Jahre hinweg die Initiative Forschungscampus – öffentlichprivate Partnerschaft für Innovationen, den Spitzencluster-Wettbewerb und die daran anknüpfende Initiative Internationalisierung von Spitzenclustern, Zukunftsprojekten und vergleichbaren Netzwerken, die Programmfamilie Unternehmen Region sowie gemeinsam mit den Ländern die Innovativen Hochschulen auf den Weg gebracht. Die Programme spielen eine wichtige Rolle beim Wissens- und Technologietransfer in die Praxis.

Ein wesentlicher, wenn nicht sogar entscheidender, Treiber für Innovationen und Wachstum sind die Start-ups. Sie entwerfen neue Geschäftsmodelle, schaffen Arbeitsplätze, modernisieren das Angebot an Produkten und Dienstleistungen und fördern so den Wettbewerbsgedanken. Als Trendscouts und Impulsgeber können auch etablierte Unternehmen von ihnen profitieren.

Das Gründungsgeschehen spielt also für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands eine wichtige Rolle: Doch gleichzeitig sehen sich  Start-ups mit besonderen Herausforderungen  konfrontiert. Trotz guter Infrastruktur fehlt es ihnen – insbesondere in der Wachstumsphase – häufig an Wagniskapital. Und aufgrund ihrer Größe und ihrer Geschäftsmodelle stehen sie vor spezifischen Herausforderungen, die teilweise durch rechtliche Rahmenbedingungen gesetzt sind. Einen Ausweg bieten potenzielle neue Förderformate, die auf die Bedürfnisse der Start-ups zugeschnitten sind. Das jüngste Energie-Forschungsnetzwerk Startup – von PtJ im Auftrag des BMWi federführend mit auf den Weg gebracht – setzt sich mit solchen Überlegungen konkret auseinander. Es ermöglicht jungen Unternehmen im Energiesektor, sich untereinander besser über Themen der Forschungsförderung auszutauschen. Durch die Vernetzung mit weiteren Akteuren aus Wissenschaft, Praxis und Politik soll sich der Ergebnistransfer von der Energieforschung in die Praxis verbessern und beschleunigen.

In anderen Technologiebereichen fördert PtJ bereits seit einigen Jahren entsprechende  Fördermaßnahmen wie EXIST – Existenzgründungen aus der Wissenschaft des BMWi  und GO-Bio – Gründungsoffensive Biotechnologie des BMBF.

„Ob Start-up, Großunternehmen, Forschungseinrichtung oder Hochschule – die Innovationskultur in Deutschland lebt vor allem von der Vielfalt ihrer Akteure und dem Austausch und Transfer zwischen ihnen. Die Forschungs- und Innovationsförderung muss positive Entwicklungen wie bereits bestehende Netzwerk-Strukturen weiter fördern und dort Hilfestellung leisten, wo es bisher noch hapert“, resümiert Bauer.

AUF DEM WEG IN DIE ZUKUNFT

Ob nachhaltiges Wachstum, Digitalisierung oder demografische Entwicklung – die großen gesellschaftlichen Herausforderungen lassen sich nur interdisziplinär, mit wissenschaftlichen Durch-brüchen und neuen unternehmerischen Lösungen meistern. Ein Gespräch mit Dr. Petra König, Leiterin des PtJ-Geschäftsbereichs Gründungs-, Transfer- und Innovationsförderung, und Alfred Möckel, Business Angel und Geschäftsführender Gesellschafter, über Förderformate, Anreize und disruptive Innovationen, die Deutschland zukunftsfähig machen sollen. Möckel ist seit 2007 ständiger Experte für die Programme Wachstumskerne und Zwanzig20 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).

Deutschland ist Innovationsweltmeister – zu diesem Schluss kommt das Weltwirtschaftsforum (WEF) in seinem Globalen Wettbewerbsbericht 2018. Es heißt, das Land biete die besten Voraussetzungen, um innovative Prozesse von der Idee bis zur Vermarktung zu organisieren. Herr Möckel, wie steht es aus Sicht eines Unternehmers und Business Angels um die Innovationskultur in Deutschland?

MÖCKEL: Ja wir sind laut WEF-Report erfreulicherweise Innovationsweltmeister. Aber derselbe Report legt auch Deutschlands Schattenseiten offen: Bei der Informations- und Kommunikationstechnologie liegt Deutschland auf Platz 31! Das passt überhaupt nicht zu Innovationen und Zukunftsfähigkeit. Klar ist: Wir sind führend bei inkrementellen Innova-tionen, weil wir sukzessive Produkte und Prozesse verbessern – und das seit Jahrzehnten. Das ist die Basis des heutigen Wohlstandes und der Lebensqualität in Deutschland. Wir optimieren  das Bestehende, investieren aber nicht in die ganz großen – mit Risiko behafteten – Technologiesprünge!

KÖNIG: Ich beobachte hier eine gewisse  Diskrepanz: Einerseits gibt es die über  Jahrzehnte gewachsenen großen Familienunternehmen, die die deutsche Wirtschaftsstruktur mit prägen und die wir auch künftig stärken sollten. Andererseits gibt es die Forderung nach einem disruptiven Wandel, also Altes über Bord zu werfen und Neues auszuprobieren. Tradition und Wandel erfolgreich zusammenzubringen, das  ist die große Herausforderung.

Was charakterisiert denn eine gelungene Innovationskultur?

KÖNIG: Es braucht vor allem Offen-heit und Risikobereitschaft, eine  Kultur des Scheiterns, Fachkräfte sowie Forschung und Entwicklung – im Schulterschluss mit der Wirtschaft  und im Einverständnis mit der Gesellschaft. Die Digitalisierung als Querschnittstechnologie spielt heute eine  wichtige Rolle. Da gibt es – wie der  Report widerspiegelt – großen Aufholbedarf. Es braucht eine Innovations-kultur, die in den Köpfen der Menschen  verankert ist, und Strukturen, die diese  Innovationskultur ermöglichen.

MÖCKEL: Viele deutsche Unternehmen haben eine Innovationskultur erfolgreich etabliert – und das seit Jahrzehnten. Das sind Firmen, die in ihrem Bereich heimliche Weltmeister sind, sogenannte Hidden Champions. Und das sind sie nur, weil sie kontinuierlich die Innovationskultur in ihrem Unternehmen leben.

Es gibt am Markt ja auch noch weitere Player: Schauen wir uns die Start-ups an! Gehen Sie davon aus, dass sie den disruptiven Wandel voranbringen?

MÖCKEL: Ja genau, Forschungs-zentren und Start-ups in Kombination treiben Innovationen in Richtung Disruption. Und wenn sich tatsächlich herauskristallisiert, dass ein Start-up Marktrelevanz hat, gibt es die Möglichkeit, dass ein großes Unternehmen, das mit seinem traditionellen Geschäft sehr viel Geld verdient, ein Start-up übernimmt, integriert und damit die Innovationskraft mit der eigenen Marktkraft kombiniert – wie etwa der Navigationsriese TomTom, der 2017 das Berliner IT-Start-up Autonomos übernommen hat und der sich damit als führender Anbieter für hochauflösende Karten, die für autonomes Fahren absolut notwendig sind, positionieren will.

KÖNIG: Autonomos wurde im Übrigen im Rahmen von Unternehmen Region gefördert: Mit dem Programm fördert das BMBF regionale Verbünde, in denen verschiedene Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung kooperieren, die vorher nicht zusammengearbeitet haben. Innovationskraft und Wertschöpfung sollen dabei gezielt in der jeweiligen Region gehalten werden und diese dauerhaft stärken. Bisher richteten sich die Teilprogramme an Regionen in den neuen Bundesländern, künftig will das BMBF das Programm aber auf strukturschwache Regionen im gesamten Bundesgebiet ausweiten.

… die Förderung hilft dabei, Wagnis und Risiko einzugehen

Dr. Petra König leitet den PtJ-Geschäftsbereich Gründungs-, Transfer- und Innovationsförderung.

Frau König, neben Unternehmen Region betreut PtJ noch viele weitere technologieoffene Förder-formate. Wie können diese zu einem innovationsfreundlichen Klima in Deutschland beitragen?

KÖNIG: Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren ein ganzes Portfolio an Programmen entwickelt, die darauf abzielen, die Innovations-kultur zu verbessern. Mit EXIST – Existenzgründungen aus der Wissenschaft setzen wir zum Beispiel die Gründungsförderung des BMWi um, Forschungscampus – öffentlich-private Partnerschaft für Innovationen für das BMBF – man könnte hier noch viele weitere nennen. Die entscheidende Gemeinsamkeit: Die Formate sind bewusst technologieoffen angelegt. Sie ermöglichen neue Perspektiven, interdisziplinäre Herangehensweisen und neue Formen der Zusammenarbeit. Das führt zu nicht vorhergesehenen Lösungen und damit tragen sie zu einer offenen Innovationskultur bei.

 

Die Bundesregierung hat 2018 die Hightech-Strategie 2025 (HTS 2025) neu aufgelegt. Die HTS 2025 zeigt Perspektiven auf, wie Deutschland seine Zukunft mit Forschung und Innovation erfolgreich gestalten kann. Welche Rolle spielen die Förderinstrumente in diesem Zusammenhang?

KÖNIG: Angesichts der anspruchsvollen Ziele der HTS 2025 bedarf es einer offenen Innovations- und Wagniskultur. Und die Förderung hilft dabei, Wagnis und Risiko einzugehen. Denn damit kann ja auch ein Scheitern verbunden sein. Diejenigen, die sich trauen, disruptive Wege zu gehen, wissen nicht, was am Ende herauskommt – und da hilft die Förderung weiter und gibt ein Stück weit Sicher-heit. Neue Technologien sind wissens-intensiv und riskant – wüsste man von Beginn an, dass sie funktionieren, müsste man sie nicht mit öffentlichem Geld fördern.

Also gehört eine Kultur des Scheiterns zu einer gelungenen Innovationskultur?

MÖCKEL: Ja, natürlich. Aber in Deutschland wird die Kultur des  Scheiterns bisweilen schon fast romantisiert – bis hin zu Buchtiteln wie Schöner scheitern. Keiner möchte scheitern! Die Erfolgreichen sind die, die etwas erreichen. Umgekehrt aber – und das gibt zum Beispiel das Silicon Valley stark vor – wer feststellt, dass er  sich in einer Sackgasse befindet, sollte ganz schnell umkehren. „Fail fast“ ist ein wichtiges Thema. Aus Fehlern wird man klug! Ein Mitarbeiter, der schon mal gescheitert ist, kann für ein Team extrem wertvoll sein, unter Umständen wertvoller als jemand, der mit Glück immer die richtige Welle geritten ist, denn der hat sich noch nie mit ernsthaften Problemen auseinandersetzen müssen. Aber ich will auch das nicht romantisieren: Nicht jeder, der scheitert, hat viel gelernt. Man muss schon genau hinschauen, warum jemand gescheitert ist!

Um Innovationen auf den Weg zu bringen, müssen Kenntnisse aus der Forschung ihren Weg in die Anwendung finden. Wie schätzen Sie die Lage da ein, Frau König?

KÖNIG: Gründung ist da ein Weg. Aber die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Unternehmen über die Auftragsforschung ist ebenfalls eine vielversprechende Perspektive, die noch viel mehr Unternehmen in den Blick nehmen sollten. Die Innovatorenquote im Mittelstand in Deutschland ist leider rückläufig, das ist eine große Herausforderung, der das BMWi federführend mit der Transferinitiative begegnen möchte. Sie soll dazu beitragen,  dass Unternehmen ihre Innovationen schneller von der Idee zum Markterfolg  bringen. Eine große Hürde ist es, Instrumente und Formate zu finden, damit sich KMU stärker am Innovationsprozess beteiligen.

Industrie 4.0 ist für Deutschland eine Riesenchance

Alfred Möckel ist Business Angel und ständiger Experte für die BMBF-Förder- programme Wachstumskerne und Zwanzig20.

Herr Möckel, was wünschen Sie sich für den Innovationsstandort Deutschland?

MÖCKEL: Bei der nächsten großen Innovationswelle muss es gelingen, deutsche Champions zu etablieren. Industrie 4.0 ist für Deutschland eine Riesenchance. Wir haben eigentlich alles – nur die Finanzierung ist ein Problem. Wir brauchen risikobereites Kapital, um World Champions aufzubauen. Mit dem Zuschuss für Wagniskapital ist es dem BMWi beispielsweise gelungen, dass sich mehr private Investoren in der Frühphase engagieren. Sie erhalten 20 Prozent der Investitionssumme zurück – unabhängig vom Erfolg des Start-ups. Im nächsten Schritt benötigen wir dringend Anreize, um große Kapitalsammelstellen zu motivieren, ihr Geld nicht überwiegend in vermeintlich risikolose internationale Staatsanleihen  zu investieren, sondern zumindest mit einem kleinen Teil ihrer Anlagen den Fortschritt zu finanzieren.

Bildnachweis


Bild "Innovationsweltmeister und wie geht es weiter?": ©leungchopan – stock. adobe.com

Bild "Auf dem Weg in die Zukunft": Nils Gunther-Alavanja

 

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