Die Gesellschaft im Fokus

Den großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit können wir nur begegnen, indem alle an einem Strang ziehen: Wissenschaft, Politik und die Bürgerinnen und Bürger. So holt zum Beispiel die interdisziplinäre Nachwuchsforschergruppe Circulus die entscheidenden Akteure ins Boot, um im Rahmen der Initiative „Bioökonomie als gesellschaftlicher Wandel“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) eine nachhaltige Ressourcenwirtschaft zu gestalten. Auch die Energiewende gilt als ambitioniertes Gesellschaftsprojekt. Sie ist mit technischen Lösungen allein nicht zu stemmen. Nur mit Unterstützung der Menschen ist ein Wandel zu schaffen – das verdeutlicht: Die Gesellschaft muss die Energiewende mittragen, erst dann wird sie zum Erfolg. Genau diesen Ansatz verfolgen die vier „Kopernikus-Projekte für die Energiewende“, die der Projektträger Jülich im Auftrag des BMBF koordiniert.

Liegt die Zukunft im Kreislauf?

Die interdisziplinäre Nachwuchsgruppe Circulus arbeitet an Strategien für eine grüne Kreislaufwirtschaft.

Grünes Wachstum und Kreislaufwirtschaft gewinnen sowohl in der Politik als auch in der Forschungsförderung an Bedeutung: Auf der Suche nach Ersatz für Öl, Gas und Kohle setzt Deutschland verstärkt auf die Nutzung von Pflanzen als Rohstoff. Ziel ist, eine Bioökonomie zu schaffen, die Wirtschaftswachstum, Energieverbrauch und Klimaschutz verbindet. Da aber auch nachwachsende Rohstoffe nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen, sollen sie in Zukunft in einer Kreislaufwirtschaft länger und mehrfach genutzt und am Ende in biologische Kreisläufe zurückgeführt werden.

Plastik, Glas oder Papier werden in Deutschland seit Jahren durch Recycling-Systeme im Kreislauf geführt. Für andere wichtige Rohstoffe wie Holz hingegen existieren solche Systeme kaum. Auch Alternativen wie Reparatur-Angebote, die die Lebensdauer von Produkten verlängern und damit den Materialverbrauch senken, sind noch wenig entwickelt. Ebenso selten findet eine direkte Wiederverwendung von Materialien statt, der sogenannte „Re-Use“. „Hierfür baut man beispielsweise ein Holzhaus, bei dem auf Verbundstoffe und Lasierungen weitestgehend verzichtet wird, sodass das unbehandelte Holz später unter anderem für neue Möbel oder neue Häuser verwendet werden kann“, erklärt Juniorprofessorin Sina Leipold von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Sie leitet die Nachwuchsgruppe „Transformationspfade und -hindernisse zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft in der Bioökonomie“ (Circulus). Mit fünf Forscherinnen und Forschern aus den Sozial-, Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften will die Sozialwissenschaftlerin Leipold in dem vom BMBF innerhalb der Initiative„ Bioökonomie als gesellschaftlicher Wandel“ seit 2016 geförderten und vom Projektträger Jülich begleiteten Vorhaben dazu beitragen, die Grundfragen der Gestaltung einer nachhaltigen Ressourcenwirtschaft der Zukunft zu klären.

In dem auf fünf Jahre angelegten Projekt fokussieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zwei Aspekte: „Einerseits untersuchen wir politische Initiativen und Rahmenbedingungen wie Gesetze, Selbstverpflichtungen oder Förderprogramme für eine Kreislaufwirtschaft. Andererseits nehmen wir die Praxis von jenen Unternehmen unter die Lupe, die versuchen, Nutzungskreisläufe für pflanzliche Materialien aufzubauen“, erklärt Leipold. Dabei bezieht das Team die Sichtweise und Erfahrung von Wirtschaftsverbänden und Unternehmen mit ein und versucht in Fallstudien herauszuarbeiten, wie der Wandel hin zu einer grünen Kreislaufwirtschaft gelingen kann.

Für das Holzhaus würde das bedeuten: Welche Grundlagen seitens der Politik und Wirtschaft sind überhaupt notwendig, um ein solches Kreislaufkonzept deutschlandweit anzuschieben? Welche neuen Netzwerke oder Rücknahme- und Sammelsysteme sind nötig, um die Häuser wiederzuverwerten? Langfristig will das Team mithilfe von Workshops und einer Online- Plattform Politik und Unternehmen an einen Tisch holen, um auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse gemeinsame Zukunftsstrategien zu benennen.

Die Energiewende in die Erfolgsspur bringen

Eine der großen Herausforderungen, vor denen Deutschland steht, ist die Energiewende. Dabei geht es nicht nur darum, die Energieversorgung auf erneuerbare Energieträger umzustellen. Es sollen auch die Energieeffizienz gesteigert und Emissionen, insbesondere auch die Emissionen von Treibhausgasen, nach Möglichkeit vermieden werden. Zu den wichtigsten Forschungsinitiativen zur Energiewende zählen die vier vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten „Kopernikus-Projekte“. Der Sprecher des Projekts ENavi, Prof. Ortwin Renn, erklärt im Interview, welche Aufgaben zu bewältigen sind.

Prof. Ortwin Renn ist Sprecher des „Kopernikus-Projekts“ ENavi. Seit 2016 leitet der Soziologe und Volkswirt das Potsdamer „Institute for Advanced Sustainability Studies“ (IASS). Bekannt wurde er durch seine Arbeiten in der Risikoforschung und Technikfolgenabschätzung.

Herr Prof. Renn, wie kann die Energiewende zu einer Erfolgsgeschichte werden?

Wir wissen, dass die Energiewende mit neuer Technologie alleine nicht gelingen wird. Entscheidend für die Energiewende sind vier Bereiche: Technik, Organisation, Regulierung und menschliches Verhalten. Aber erst wenn wir die Wechselwirkungen zwischen diesen Bereichen besser verstehen, können wir die Energiewende voranbringen.

Was muss in den vier Bereichen getan werden?

Die Herausforderungen in der Technik sind klar. Da geht es etwa um neue Speichersysteme für die überschüssige Energie aus Windkraft- oder Solaranlagen. Aber hier schließt sich gleich die nächste Frage an: Wie wollen wir diese Speicher organisieren? Vielleicht sind mit Speichern keine Gewinne zu erzielen, sodass wir eine Infrastruktur von staatlicher Seite benötigen. Vielleicht können Speicher nicht wettbewerblich organisiert werden und wir bräuchten eine marktunabhängige Organisationsform, ähnlich wie die Bundesnetzagentur. Verschiedene Modelle sind hier möglich. Wir müssen herausfinden, welches Modell das beste für das Gelingen der Energiewende ist. Darüber hinaus haben wir es hier schon heute mit einer Reihe von organisatorischen Innovationen zu tun, also sozialen Innovationen, die für die dezentrale Energieversorgung sinnvoll sind: beispielsweise neue Genossenschaften, sich selbst versorgende Energiedörfer oder die 30.000 Mini-Unternehmen, die Strom erzeugen.

Und dafür muss der Staat die notwendigen Voraussetzungen schaffen?

Genau, das ist der Aspekt der Regulierung. Hier müssen die Akzente richtig gesetzt werden. Wie schaffe ich Anreize, damit Innovationen zustande kommen, damit sich neue, effektive Organisationsformen durchsetzen können und damit Individuen wissen, was sie tun sollen. So gilt es, etwa Rebound-Effekte zu vermeiden.

Was sind das für Effekte?

Durch mehr Effizienz lässt sich Energie einsparen. Dadurch sinken die Ausgaben der Verbraucher für jede Einheit Energiedienstleistung. Das kann aber dazu führen, dass sich die Menschen mehr Geräte anschaffen, weil diese ja sparsamer sind. In der Gesamtsumme verbrauchen die vielen neuen Geräte aber genauso viel oder gar mehr Energie als die wenigen alten, nicht so sparsamen Geräte. Das müssen wir den Menschen bewusstmachen.

Einige Menschen tun sich jedoch schwer. Wie sollte damit umgegangen werden?

Wir dürfen die Probleme und negativen Aspekte nicht unter den Tisch fallen lassen. Wenn etwa die Kohleindustrie schrumpft, bedeutet das für viele Menschen den Arbeitsplatzverlust. Wir benötigen eine Debatte darüber, welche Prozesse bei der Energiewende akzeptabel sind und welche mehr Zeit und Kreativität benötigen. Die beste Technik bringt nichts, wenn sie von den Menschen nicht akzeptiert wird. Eine unserer Aufgaben ist es daher, Positionen aus der Gesellschaft integrativ in unsere Forschung einzubeziehen. Und wir müssen herausfinden, welche Folgen sich aus den einzelnen Schritten ergeben, mit denen wir unser Energiesystem verändern.

Im Grunde heißt das, dass wir noch gar nicht konkret wissen, wie die Energieversorgung von übermorgen aussehen wird?

Aus genau diesem Grund gibt es die vier „Kopernikus-Projekte“ und speziell unser Vorhaben ENavi. In ENavi erforschen wir die Wechselwirkungen zwischen Technik, Organisation, Regulierung und menschlichem Verhalten – und wir versuchen vorherzusagen, welche Folgen unterschiedliche Interventionen in das Energiesystem haben könnten. Wir müssen uns zum Beispiel um Fragen kümmern, wie wir effektiv und effizient Elektromobilität fördern können, wie wir den Batterieaustausch in Elektroautos organisieren sollten oder ob es Sinn macht, mehr auf Carsharing zu setzen. Dazu gehören auch Regulierungsfragen, etwa ob der Staat mehr steuerliche Abschreibungen ermöglichen sollte oder mehr in die Forschung investiert werden muss. Das geht herunter bis zu Festlegungen, ob jeder Neubau eine Ladestation für Elektroautos haben sollte. Und natürlich müssen wir uns bei allen Maßnahmen anschauen, ob die Menschen diese auch so akzeptieren.

Das hört sich nach einer gigantischen Aufgabe an. Wie wollen Sie diese bewältigen?

Tatsächlich ist eine so ganzheitliche Untersuchung meines Wissens in der Form noch nicht gemacht worden. Das Entscheidende ist, dass wir transdisziplinär arbeiten. Das bedeutet, dass nicht nur 84 Partner verschiedener Einrichtungen und Fachrichtungen in ENavi zusammenarbeiten und wir uns intensiv mit den anderen drei „Kopernikus-Projekten“ austauschen. Es heißt auch, dass wir Wissensträger aus Wirtschaft, Gesellschaft und zivilgesellschaftlichen Institutionen aktiv einbinden – und zwar bis auf die kommunale Ebene wie beispielsweise Bürgermeister und Bürgerinitiativen vor Ort. Uns geht es darum, nicht nur neues Wissen zu schaffen, sondern damit dann auch handlungsorientiert zu arbeiten. Deshalb werden Lösungen, die wir in den 13 Teilprojekten von ENavi entwickeln, in verschiedenen Modellregionen in Deutschland getestet.

Das Projekt ENavi ist im Herbst 2016 gestartet. Was ist der Stand und was sind die nächsten Schritte?

Die verschiedenen Teilprojekte haben ihre Arbeit aufgenommen. Das zentrale Element von ENavi ist allerdings ein Navigationsmodell, in das wir alle unsere Informationen eingeben. Das sind einerseits harte Fakten wie technische und wirtschaftliche Daten, andererseits aber auch weiche Fakten wie Expertenmeinungen und Einschätzungen, etwa zur Akzeptanz bestimmter Innovationen. Das Modell soll uns Wege aufzeigen, über die wir mögliche und erwünschte Ziele erreichen können, um etwa Fortschritte bei der Sektorkopplung oder bei der Reduktion von CO2-Ausstoß zu erreichen. Und es soll möglichst frühzeitig sichtbar machen, welche Folgen sich daraus ergeben. Dabei soll das Modell so flexibel sein, dass wir auch neue technische Entwicklungen oder veränderte politische Rahmenbedingungen berücksichtigen können.

Wann soll das Modell fertig sein?

Es wird natürlich nicht nur ein umfassendes Modell geben, sondern eine Kombination von Modellen, Simulationen und qualitativen Verfahren der Experteneinschätzung. Eine erste Version dieser Kombination soll bis zur ersten Evaluation des Projekts im Jahr 2019 einsatzbereit sein, Teilmodelle hoffentlich auch schon früher. Da das Projekt auf zehn Jahre angelegt ist, werden wir aber noch ausreichend Zeit haben, das Gesamtmodell einzusetzen, unsere Lösungen in den Modellregionen zu erproben und somit der Energiewende zum Erfolg zu verhelfen.

Herr Prof. Renn, vielen Dank für das Gespräch!

Einzigartiger Ansatz

Die vier „Kopernikus-Projekte“ arbeiten nicht nur an technischen Lösungen für die Energiewende, etwa für Netzstrukturen, Speichersysteme und Industrieprozesse. Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft entwickeln hier gemeinsam Konzepte, die auch die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger berücksichtigen. Das soll sicherstellen, dass die Gesellschaft einen so umfassenden Wandel wie die Energiewende mitträgt. Die Ideen der Projekte sollen innerhalb von zehn Jahren umgesetzt werden. Das BMBF fördert die Vorhaben innerhalb der ersten drei Jahre mit bis zu 120 Millionen Euro, bis 2025 sollen weitere 380 Millionen Euro folgen. Die Kopernikus-Projekte sind Teil des Energieforschungsprogramms der Bundesregierung „Forschung für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung“. „Die Dauer der vier Projekte, die besondere Art der Zusammenarbeit und die Überprüfung im großen Maßstab in Modellregionen sind in dieser Form einzigartig. Hinzu kommt, dass alle Vorhaben flexibel ausgerichtet sind, denn die Rahmenbedingungen im Energiesektor ändern sich äußerst schnell“, sagt Claudia Hein vom Projektträger Jülich, der die Kopernikus-Geschäftsstelle im Auftrag des BMBF koordiniert.

www.kopernikus-projekte.de

Hinweis

Die Texte stammen aus dem Dossier „Innovation für den sozialen Wandel“ des PtJ-Geschäftsberichts 2016.

Redaktion:

  • Projektträger Jülich
  • Christian Hohlfeld
  • Katja Lüers

Bildnachweise


  • Hintergrundbild „Die Gesellschaft im Fokus“: ALotofPeople/iStock/thinkstock
  • Prof. Ortwin Renn: acatech/David Ausserhofer
  • Hintergrundbild „Einzigartiger Ansatz“: snowflock/iStock/thinkstock

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