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Wasserstoff produzieren

Die Bereitstellung von molekularem Wasserstoff (H2) wird als Produktion von Wasserstoff oder auch Wasserstoffherstellung bezeichnet. Dafür werden verschiedene Verfahren eingesetzt, von denen aktuell aber nur ein Teil im industriellen Maßstab genutzt werden kann. Ein Herstellungsverfahren ist die Elektrolyse von Wasser.

Pionierarbeit im Reallabor

Sie sind in entgegengesetzten Ecken Deutschlands angesiedelt, haben ganz unterschiedliche Budgets, aber verfolgen ein gemeinsames Ziel. Zwei Reallabore der Energiewende wollen ganzheitliche und wirtschaftlich tragfähige Lösungen für die Produktion und Nutzung von Grünem Wasserstoff entwickeln.

Grenzach-Wyhlen im südwestlichsten Winkel Deutschlands: Seit mehr als hundert Jahren rauschen hier die Wassermassen des Hochrheins durch das Flusskraftwerk Wyhlen, das derzeit jährlich 255 Millionen Kilowattstunden Energie erzeugt. Gut – aber für die Energiewende zu wenig, fanden Peter Trawitzki und seine Kolleginnen und Kollegen von der Energiedienst AG, die das Kraftwerk betreibt. Seit 2019 produziert ein eher kleiner 1-Megawatt-Elektrolyseur deshalb mithilfe von Wasserkraft Grünen Wasserstoff. „Mit dem Vorhaben H2-Wyhlen gehen wir jetzt den nächsten Schritt und erweitern den Produktionsstandort um mindestens 5 Megawatt“, sagt Projektentwickler Peter Trawitzki. Die neue Anlage soll bis zu drei Tonnen Wasserstoff am Tag produzieren – genug für rund 600.000 Kilometer mit einem Wasserstoffauto.

Geschäftsmodelle für größere Dimensionen

H2-Wyhlen ist eines von 20 Reallaboren der Energiewende, mit denen die Bundesregierung Experimentierräume schafft, in denen integrierte Energiekonzepte und tragfähige Geschäftsmodelle unter realen Bedingungen erprobt werden. Deshalb geht es bei H2-Wyhlen nicht nur um die Wasserstoffproduktion, die dank Nutzung der Elektrolyse-Abwärme bis zu 85 Prozent Wirkungsgrad erreichen soll. Denn die fünf Projektpartner haben auch die Anwender im Blick: Verkehrsbetriebe aus der Region und darüber hinaus sollen künftig ihre Lkws, Busse und Straßenkehrmaschinen mit Grünem Wasserstoff betanken. Drei nahegelegene Wohnquartiere sollen zudem mit der Elektrolyse-Abwärme versorgt werden.

Aber ist das nicht alles ein bisschen viel für so ein kleines Projekt? Schließlich stehen bis Ende 2025 nur Fördergelder von maximal 13,5 Millionen Euro bereit. „Wir entwickeln hier ein Geschäftsmodell, das auch anderswo und in größerer Dimension funktionieren wird“, sagt Trawitzki und zieht eine historische Parallele. „Auch das Wasserkraftwerk wurde damals gebaut, ohne dass es für den Strom schon feste Kunden gab. Wir sehen uns heute ebenso als Pioniere!“

Die Leistung des 1-Megawatt-Elektrolyseurs am Wasserkraftwerk Wyhlen soll in den kommenden Jahren verfünffacht werden.

Ganzheitliche Transformation

Knapp 700 Kilometer Luftlinie weiter nördlich: Im Hamburger Hafen sind nicht nur die Schiffe größer als am Hochrhein, sondern auch die Elektrolyseure. Das Energieunternehmen Hansewerk will hier in den kommenden Jahren eine 25-Megawatt-Anlage errichten. Für die geplanten rund 2.900 Tonnen Grünen Wasserstoff pro Jahr gibt es mit der im Hafen ansässigen Industrie und mit Hamburger Mobilitätspartnern bereits fixe Abnehmer: Allein 200 Busse, Lkws und Pkws können so in Zukunft regelmäßig betankt werden. Die bei der Elektrolyse entstehende Abwärme soll ins Fernwärmenetz eingespeist werden und selbst für das „Abfallprodukt“ Sauerstoff gibt es Interessenten.

Hamburg ist dabei eine von fünf Modellregionen des Norddeutschen Reallabors, einem weiteren Reallabor der Energiewende. „Mit diesem Projekt erproben wir die ganzheitliche Transformation des Energiesystems in allen Sektoren: vom Strom über die Wärme bis hin zum Verkehr“, sagt Professor Werner Beba, Leiter des Competence Centers für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Beba koordiniert insgesamt 50 Projektpartner, die sich über die Bundesländer Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern verteilen und die die gesamte Wertschöpfungskette umfassen: von der Produktion über Speicherung und Transport bis zur Nutzung.

Wirtschaftliche Impulse

Bis zu 355 Millionen Euro an Investitionen werden in den kommenden fünf Jahren in das Norddeutsche Reallabor fließen, davon allein 122 Millionen Euro als staatliche Fördermittel. Rund eine halbe Million Tonnen Kohlendioxid lassen sich auf diese Weise jedes Jahr einsparen. Doch zu den Wirkungen auf das Klima gesellen sich weitere Effekte: „Wir wollen mit nachhaltigen Innovationen wirtschaftliche Impulse auslösen und den Industriestandort stärken“, kündigt Beba an. „Das wird auch Auswirkungen haben auf den Arbeitsmarkt, auf die Qualifizierung und auf die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger.“ Genauso wie in Grenzach-Wyhlen wird so auch in Norddeutschland echte Pionierarbeit geleistet.

Drei Fragen an...

Peter Trawitzki, Projektentwickler bei der Energiedienst Holding AG

01 – Herr Trawitzki, Sie haben das Projekt H2Wyhlen in der Startphase geleitet. Was war die größte Herausforderung?
Das war ganz eindeutig das Gestrüpp an Fördermöglichkeiten. Was ist förderrechtlich machbar? Welche Varianten gibt es? Diese Details sind viel zeitraubender und mühevoller, als man glauben möchte.

02 – Was meinen Sie konkret mit „Gestrüpp“?
Ein Beispiel: Normalerweise können Investitionen von Unternehmen wie unserem mit bis zu 40 Prozent gefördert werden. Das klingt erst einmal attraktiv. Doch die Elektrolyseanlage läuft insgesamt zwanzig Jahre, während der fünfjährigen Projektphase aber maximal drei. Das hätte im Endeffekt eine Förderung von gerade einmal sechs Prozent unserer Investitionssumme bedeutet!

03 – Wie haben Sie dieses Problem gelöst?
Mit dem Projektträger Jülich hatten wir einen Partner an der Seite, der mit großem Einsatz, viel Kompetenz und pragmatischen Ideen einen Vorschlag gemacht hat. Jetzt ist der Umweltschutzcharakter der Anlage in der Förderung berücksichtigt. Dadurch ist ein höherer Anteil der Investitionskosten förderfähig. Im Endeffekt haben wir im Rahmen der geltenden Beihilferichtlinien die optimalen Lösungen gefunden!

Gigantisch gedacht

700 Millionen Euro investiert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ab 2021 in drei Wasserstoff-Leitprojekte – eine gigantische Chance, aber auch eine große Verantwortung für alle Beteiligten. Schließlich geht es um nichts weniger als den Weg Deutschlands in eine international wettbewerbsfähige Grüne Wasserstoffwirtschaft.

Im Jahr 1800 entdeckten der britische Chemiker William Nicholson und der englische Chirurg Anthony Carlisle zufällig, dass mithilfe von Strom aus Wasser zwei Gase entstehen – die Wasserelektrolyse war erfunden. Umso mehr verwundert es, dass auch über zwei Jahrhunderte später Elektrolyseure immer noch größtenteils in Handarbeit hergestellt werden. Doch die manuelle Fertigung ist langsam, teuer und fehlerträchtig. Das Projekt H2Giga soll damit nun Schluss machen und endlich die Serienproduktion von Elektrolyseuren ermöglichen.

Forschungseinrichtungen, Universitäten, Hersteller und Zulieferer aus verschiedenen Technologiebereichen treiben die drei wichtigsten Elektrolysetechnologien gemeinsam voran, um eines der Hauptziele der Nationalen Wasserstoffstrategie (siehe Infokasten) zu erreichen: Elektrolyseure mit rund fünf Gigawatt Gesamtleistung bis zum Jahr 2030 zu installieren – das entspricht rund 1.500 Windenergieanlagen der neuesten Generation. Doch sie stehen vor einer doppelten Herausforderung: Während die Zahl und Größe der Elektrolyse-Anlagen massiv zunehmen soll, müssen die Preise sinken. Darauf verweist Dr. Oliver Tietze, Geschäftsführer der an H2Giga beteiligten thyssenkrupp Industrial Solutions AG: „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Kosten für die Wasserelektrolyse deutlich zu senken – entlang der ganzen Wertschöpfungskette, um damit die Herstellung von Elektrolyseuren in Deutschland im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig aufstellen zu können.“

Nationale Wasserstoffstrategie

H2Giga und die beiden anderen Wasserstoff-Leitprojekte gelten als zentrale Maßnahme, um die Nationale Wasserstoffstrategie (NWS) zu verwirklichen. Mit der NWS hat die Bundesregierung im Jahr 2020 einen Handlungsrahmen für die Produktion, den Transport und die Nutzung von Wasserstoff aufgespannt und das Umfeld für Innovationen und Investitionen definiert. Dafür stehen Fördermittel in Höhe von insgesamt neun Milliarden Euro bereit.

Die Nationale Wasserstoffstrategie will insbesondere Wasserstofftechnologien als Kernelemente der Energiewende etablieren, die nötigen regulativen Voraussetzungen für den Markthochlauf schaffen, die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen durch Forschungs- und Entwicklungsförderung stärken und künftig die nationale Versorgung mit CO2-freiem Wasserstoff sichern

230 Partner in 30 Verbünden

H2Giga ist eines von drei Wasserstoff-Leitprojekten, die aus dem Ideenwettbewerb „Wasserstoffrepublik Deutschland“ des BMBF hervorgegangen sind. In 30 Verbünden arbeiten rund 230 Akteurinnen und Akteure aus Wissenschaft und Wirtschaft zusammen, die Hälfte davon Industrieunternehmen. Im Rahmen von H2Mare, dem zweiten Leitprojekt, erforschen sie, wie sich Wasserstoff in großem Umfang direkt in Offshore-Windenergieanlagen produzieren lässt. Denn auf dem Meer weht der Wind deutlich stärker und regelmäßiger als an Land, entsprechend mehr Grüner Wasserstoff lässt sich dadurch erzeugen. Westlich und östlich von Helgoland sollen große Anlagen entstehen, in denen vor Ort aus Windenergie und Salzwasser Wasserstoff hergestellt wird.

Das dritte Leitprojekt im Bunde heißt TransHyDE und will eine leistungsfähige Transport-Infrastruktur entwickeln. Da Deutschland perspektivisch den größten Teil Grünen Wasserstoffs aus wind- und sonnenreichen Regionen importieren muss, werden Transportoptionen insbesondere für mittlere und lange, aber auch für kurze Strecken benötigt. Neben bestehenden Gasleitungen kommen dafür ganz neue Technologien infrage, wie zum Beispiel neuartige Speicherbehälter oder Ammoniak als Transportmedium für Wasserstoff.

Für die drei Leitprojekte stellt das BMBF bis zu 700 Millionen Euro an Fördermitteln bereit, rund 500 Millionen sollen allein in H2Giga fließen. Ergänzt werden die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten durch aktuell 16 Projekte der Grundlagenforschung. 71 Partner erforschen dort unter anderem neue Materialien für Brennstoffzellen und weltweite Potenziale zur Produktion und zum Export von Grünem Wasserstoff.

Hinter den Kulissen

„Wasserstoff ist in den letzten Jahren zu einem Schwerpunktthema beim Projektträger Jülich geworden. Die Leitprojekte haben wir schon in der Phase ihrer Formierung über mehrere Wochen intensiv begleitet, vor allem in vielen Gesprächen mit den Industriepartnern. Dort ging es um die Konzeption der Projekte, aber natürlich auch um fördertechnische Aspekte. Auch die Arbeit der Gutachterkommission haben wir vorbereitet und unterstützt. Und schließlich koordinieren wir als Projektträger auch die Öffentlichkeitsarbeit der Leitprojekte: Alle Texte und Infomaterialien, aber auch das Corporate Design stammen aus unserer Feder.

Eine große Herausforderung sind sicherlich die schiere Größe der Leitprojekte und die Zahl der einzelnen Vorhaben, die alle gleichzeitig bearbeitet werden müssen. Aber durch eine gemeinsame Kraftanstrengung in unserem 45-köpfigen Team haben wir das gemeistert. Dazu hat auch die enge, konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem BMBF beigetragen. Jetzt freue ich mich, dass die drei Leitprojekte zügig starten konnten.“

Dr.-Ing. Gesine Arends

Leiterin des Fachbereichs Grundlagenforschung Energieinfrastrukturen beim Projektträger Jülich

Wende und Wandel im Rheinischen Revier

Wenn der Kohleausstieg Realität wird, will das Rheinische Revier vorbereitet sein. Neue Technologien rund um Grünen Wasserstoff und Grünen Ammoniak sollen die Energiewende befeuern und zugleich den regionalen Strukturwandel vorantreiben.

Das Rheinische Revier ist eine Energieregion. Im Städtedreieck Aachen-Mönchengladbach-Köln gelegen, steht es fast als Synonym für die Braunkohleförderung und -verstromung – und für den bis spätestens 2038 terminierten Kohleausstieg. Weniger bekannt ist die Bedeutung, die eine andere Branche für die Region hat: „Die chemische Industrie ist die Schlüsselindustrie des Rheinischen Reviers“, sagt Professor Rüdiger-Albert Eichel, Leiter des Instituts für Energie- und Klimaforschung am Forschungszentrum Jülich. „Die Branche sorgt für rund die Hälfte der regionalen Wertschöpfung und bietet 48.000 Arbeitsplätze, im Vergleich zu rund 20.000 Arbeitsplätzen in der Energieindustrie.“

Die beiden Wirtschaftszweige getrennt zu betrachten, macht freilich wenig Sinn. Denn die chemische Industrie ist eine der energieintensivsten – und wird das auch nach dem Kohleausstieg bleiben. Deshalb haben das Forschungszentrum Jülich, die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen sowie regionale Unternehmen im Jahr 2019 den Inkubator für Nachhaltige Elektrochemische Wertschöpfung (iNEW), geschaffen. In dem Projekt erforschen sie gemeinsam neue Möglichkeiten, mithilfe erneuerbarer Energien klimaneutrale Basis-Chemikalien für die Industrie herzustellen. Rund 20 Millionen Euro stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) dafür im Rahmen des Sofortprogramms für den Strukturwandel bereit. Doch was ist das Besondere am Projekt iNEW?

Das „W“ im Fokus

„Die Besonderheit ist das ‚W‘“, erläutert iNEW-Projektleiter Eichel. „Es steht für Wertschöpfungsketten, die wir schaffen wollen, indem wir verschiedene neue Technologien für die kommerzielle Nutzung in der Industrie entwickeln.“ So sollen einerseits verbesserte Elektrolyseverfahren mit erneuerbarer Energie Grünen Wasserstoff produzieren und im Gegensatz zu heute auch in Teillast viele Jahre problemlos funktionieren. Andererseits gewinnt die Industrie Methanol und Kraftstoffe derzeit meist über ein kohlenstoffhaltiges Synthesegas, das auf fossilen Energieträgern basiert. iNEW zielt nun auf ein „Grünes“ Synthesegas. „Dafür werden wir Biogasanlagen als nachhaltige Kohlenstoffquellen oder auch unvermeidliche CO2-Quellen des Rheinischen Reviers wie etwa Müllverbrennungsanlagen nutzen“, erklärt Eichel. Und schließlich haben die Projektpartner auch die Basischemikalie mit dem größten CO2-Fußabdruck im Visier: Ammoniak. Diese Verbindung von Stickstoff und Wasserstoff soll künftig ebenfalls in einem Elektrolyseverfahren hergestellt werden. Für Eichel wäre das ein Durchbruch: „Wenn uns das gelingt, leisten wir einen großen Beitrag, um Ammoniak erstmals komplett grün herzustellen.“

90 Prozent Wirkungsgrad

Interessenten für Grünen Ammoniak gäbe es im Rheinischen Revier genug, und nicht nur in der Industrie. Denn das farblose Gas mit der Formel NH3 lässt sich nicht nur chemisch nutzen, sondern durch seinen Wasserstoffgehalt auch energetisch. Das Projekt NH3toH2 will diesen im Ammoniak gespeicherten Wasserstoff nutzen, doch auf andere Weise als das bisher geschieht. „In einem chemischen Reaktor, dem sogenannten Cracker, erwärmen wir Ammoniak auf etwa 700 Grad Celsius und zersetzen ihn so zu Stickstoff und Wasserstoff“, erklärt Michael Steffen, Leiter der Abteilung Energieträger und Prozesse am Zentrum für BrennstoffzellenTechnik GmbH (ZBT) in Duisburg. Aus dem so gewonnenen und abgekühlten Wasserstoff können Brennstoffzellen anschließend Strom und Wärme erzeugen. Als kleine, dezentrale Anlagen, die auch unter Teillast funktionieren, könnten sie künftig etwa Mobilfunk-masten mit Energie versorgen, auch in entlegenen Gegenden. Doch bedeuten solch hohe Temperaturen nicht auch einen enormen Energieverbrauch? „Durch ein ausgeklügeltes Wärmemanagement kommen wir auf einen Wirkungsgrad von rund 90 Prozent“, betont Steffen. Noch bis 2022 läuft das Projekt der ZBT und der Universität Duisburg-Essen, das im Rahmen des Leitmarktwettbewerbs EnergieUmweltwirtschaft.NRW gefördert wird.

Die Jahrhundertchance

Um das Potenzial innovativer Technologien auszuschöpfen und zugleich den regionalen Strukturwandel voranzutreiben, braucht es einen weiteren wichtigen Baustein: Menschen, die mit den neuen Verfahren umgehen und sie weiterentwickeln können. Neben den Fachkräften aus der Kohle- und Kraftwerkindustrie sind künftig vor allem junge Leute gefragt. Die Projektpartner der Innovationsplattform iNEW wollen Jugendliche gezielt für MINT-Berufe begeistern und arbeiten dafür mit Bildungseinrichtungen und -vereinen aus der Region zusammen: Gemeinsam bieten sie „Talentschulen“ für Interessierte aus benachteiligten sozialen Verhältnissen an und veranstalten Sommerakademien für Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Nur wenn Technologie, Wirtschaft und Gesellschaft zusammenfinden, kann der ganz große Wurf gelingen, glaubt iNEW-Projektleiter Eichel: „Wir können jetzt den kompletten industriellen Sektor im Rheinischen Revier neu denken, den regionalen Strukturwandel gestalten und gleichzeitig den Klimaschutz vorantreiben. Das ist eine Jahrhundertaufgabe, aber auch eine Jahrhundertchance!“

Wir brauchen nachhaltige Transformationsprozesse

Seit den 1970er-Jahren erlebt und begleitet Bernd Steingrobe den Strukturwandel im Rheinischen Revier. Den Ausstieg aus der Braunkohle nimmt er als Herausforderung wahr, gleichzeitig aber auch als große Chance. Ein Gespräch über neue Zukunftsfelder, wirksame Förderinstrumente und über die zentrale Voraussetzung für eine Grüne Wasserstoffwirtschaft.

 

Herr Dr. Steingrobe, Sie haben ein ganz persönliches Verhältnis zum Rheinischen Revier …

Steingrobe: Ich bin Mitte der 70er-Jahre zum Studieren nach Aachen gekommen. Seitdem ist das Rheinische Revier buchstäblich immer in Sichtweite. Meine Diplom- und Doktorarbeit habe ich hier verfasst und zu dieser Zeit den Ausstieg aus der Steinkohle miterlebt. Im Rahmen meiner Doktorarbeit konnte ich sogar geologisch unter Tage arbeiten. Seit nunmehr dreißig Jahren bin ich jetzt beim Forschungszentrum Jülich bzw. beim Projektträger Jülich – und immer noch mitten im Revier.

Der Ausstieg aus der Braunkohle ist schon der zweite Kohleausstieg für das Rheinische Revier. Sind die aktuellen mit den damaligen Herausforderungen vergleichbar?

Steingrobe: Aus der Steinkohle ist man damals ausgestiegen, weil sie nicht mehr rentabel war, während hinter dem Braunkohleausstieg ökologische Motive stehen – das ist ein zentraler Unterschied. Auch die Dimension ist eine ganz andere. Heute sind nicht nur mehr Kommunen involviert, auch wesentlich mehr Arbeitsplätze und damit mehr Menschen sind direkt betroffen. Auch viele Zulieferunternehmen der Kohleindustrie müssen sich neue Kunden und Geschäftsfelder suchen. Der Strukturwandel greift also diesmal um einiges tiefer.

Wie lässt sich der Strukturwandel im Rheinischen Revier gestalten?

Steingrobe: Wichtig ist, dass jetzt nachhaltige Transformationsprozesse angestoßen werden. Nachhaltigkeit bedeutet zum einen neue und zukunftsfähige Arbeitsplätze. Zum anderen aber eben auch ein Mehr an Ökologie, um die Klimaziele zu erreichen. Im Kohleausstieg und dem Strukturwandel liegt auch die große Chance, eine lange dominierende Monostruktur zu durchbrechen und auf verschiedene Zukunftsfelder zu setzen.

Welche Zukunftsfelder sind das aus Ihrer Sicht?

Steingrobe: Im Automotive-Bereich gibt es starke Player in der Region. Einiges verspreche ich mir von den Themenfeldern neue Landwirtschaft und Bioökonomie, auch der Anlagenbau ist eine der Stärken. Außerdem gibt es zunehmend wissensbasierte Innovationen, die von der starken Hochschul- und Forschungslandschaft in der Region forciert werden. Und die Energiewirtschaft wird natürlich ein ganz wichtiges Standbein des Rheinischen Reviers bleiben.

Welche Rolle spielt hierbei Grüner Wasserstoff?

Steingrobe: Grüner Wasserstoff ist ein spannendes Thema, aber auch eine große Herausforderung. In den nächsten Jahren werden wir einen enormen Zuwachs an elektrischen Verbrauchern haben. Deshalb müssen wir massiv und flächendeckend in erneuerbare Energien investieren. Erst wenn wir rund 70 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien im Netz und damit immer wieder einen deutlichen Überschuss haben, lässt sich sinnvoll und in großem Umfang Grüner Wasserstoff gewinnen. Dafür sehe ich im Moment aber noch keine ausreichenden Konzepte.

Wir als Projektträger sind derzeit zwar beratend tätig, würden unser Know-how aber gerne noch viel stärker einbringen.

Dr. Bernd Steingrobe, Leiter des Geschäftsfelds Forschung und Gesellschaft NRW beim Projektträger Jülich

Hat das Rheinische Revier beim Thema Grüner Wasserstoff Vorteile gegenüber anderen Regionen?

Steingrobe: Das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) hat am Standort Jülich zwei riesige Versuchsanlagen für Solarthermie errichtet. Dort erwärmen gebündelte Sonnenstrahlen Wasser, das dann über einen Wärmetauscher eine Dampfturbine antreibt. Die Technologie lässt sich wunderbar für die Produktion von Grünem Wasserstoff verwenden. Außerdem habe ich den Eindruck, dass im Rheinischen Revier grundsätzlich ein technologiefreundliches Klima herrscht.

Sie begleiten den Strukturwandel im Rheinischen Revier seit vielen Jahren. Welche Instrumente halten Sie für besonders wirksam?

Steingrobe: Wir müssen einen ganzen Strauß an Maßnahmen anbieten. Dazu gehören Verbundprojekte unserer starken Forschungslandschaft mit Unternehmen. Diese Projekte sind aber oft auf viele Jahre angelegt – und zum marktfähigen Produkt ist es nochmals ein weiter Weg. Deshalb müssen wir Unternehmen, die ein akutes Problem lösen wollen, unbedingt auch kurzfristigere und unbürokratischere Angebote machen!

Wie kann der Projektträger Jülich die Strukturwandelprozesse im Rheinischen Revier unterstützen?

Steingrobe: Im Moment gibt es ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlichster Akteure: Bund, Länder, mehrere Ministerien, Bezirksregierungen, Kommunen, die Zukunftsagentur Rheinisches Revier … Ich habe den Eindruck, dass zu viele Akteure in die Bewilligungsprozesse involviert sind. Klare und transparente Strukturen würden dabei helfen, dass jede Bürgermeisterin und jeder Bürgermeister und jede Geschäftsführung genau wüsste, wie man Fördermittel beantragen kann. Wir als Projektträger sind derzeit zwar beratend tätig, würden unser Know-how aber gerne noch viel stärker einbringen.

Bildnachweise


  • Bild „Wasserstoff produzieren“: ©jm1366 - stock.adobe.com
  • Bild „Pionierarbeit im Reallabor“: Energiedienst AG/Juri Junkov
  • Bild „Gigantisch gedacht“: ©Nataliya Hora – stock.adobe.com
  • Bild „Wende und Wandel im Rheinischen Revier“: ©Natascha – stock.adobe.com
  • Bild Interview Steingrobe: Manuel Thomé

Hinweise


Die Texte stammen aus dem Dossier „Grüner Wasserstoff“ des PtJ-Geschäftsberichts 2020.
Redaktion:

  • Projektträger Jülich, Forschungszentrum Jülich GmbH
  • PRpetuum GmbH

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