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Wasserstoff erleben

Partizipation schafft Nachhaltigkeit

Katja Witte betrachtet Energietechnologien aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive. Im Interview erklärt sie, warum gesellschaftliche Akzeptanz so wichtig ist, wo künftig zentrale Konfliktlinien beim Thema Grüner Wasserstoff zu erwarten sind und wie Partizipation allen Beteiligten nützen kann.

 

Frau Witte, welche Stolpersteine liegen auf dem Weg zu einer Grünen Wasserstoffwirtschaft?

Witte: Auf dem Weg in eine Grüne Wasserstoffwirtschaft gibt es ganz unterschiedliche Herausforderungen. Zum einen sind das technologische und wirtschaftliche Aspekte und zum anderen gesellschaftliche Gesichtspunkte, die nicht weniger komplex und bislang kaum erforscht sind. Als Sozialwissenschaftlerin werbe ich für eine systemische Perspektive.

Welche Herausforderungen sind das konkret und wo laufen die Konfliktlinien?

Witte: Einerseits werden die Menschen Grünen Wasserstoff in ihrem Alltag erleben, etwa in Gebäuden oder auch im Bereich der Wasserstoff-Mobilität. Hier spielen erfahrungsgemäß persönliche Einstellungen und Bewertungen eine große Rolle, etwa hinsichtlich Technikaffinität, Lebensdauer von Produkten oder Kostenaspekten. Bei diesen Alltagstechnologien können andere Bewertungskriterien angelegt werden als zum Beispiel bei der Anwendung von Wasserstoff in der Industrie. Dort gibt es diejenigen, die Grünen Wasserstoff auch in ihrem beruflichen Umfeld erleben. Akzeptanz könnte dann mit Fragen des Standortes verbunden werden. Wenn es darum geht, Arbeitsplätze zu schaffen, sind dann Themen wie Sozialverträglichkeit von Bedeutung. Für einen Großteil der Menschen wird sich das Thema Wasserstoff durch den Auf- und Ausbau von H2-Infrastrukturen bemerkbar machen oder wenn neue Produktionsstätten errichtet werden. In diesem Falle ist das Vertrauen in die handelnden Akteurinnen und Akteure von Bedeutung.

Die gesellschaftliche Akzeptanz der Energie- und Industriewende wird sich bei verschiedenen Akteurinnen und Akteuren auf unterschiedliche Weise äußern.

Katja Witte, stellvertretende Abteilungsleiterin und Co-Leiterin des Forschungsbereichs Strukturwandel und Innovation – Zukünftige Energie-und Industriesysteme am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH

Wie wird sich gesellschaftliche Akzeptanz künftig beobachten lassen?

Witte: Die gesellschaftliche Akzeptanz der Energie- und Industriewende wird sich bei verschiedenen Akteurinnen und Akteuren auf unterschiedliche Weise äußern. Allein die energiewendebezogenen Protestkulturen in Nordrhein-Westfalen unterscheiden sich enorm. Auf der einen Seite finden Sie lokale Gruppen mit individuellen Interessen, die etwa Aktionen gegen den Bau neuer Windenergieanlagen durchführen. Am anderen Ende des Spektrums befinden sich international gut organisierte Gruppen der organisierten Zivilgesellschaft. Beide Gruppen können auf ihre Weise höchst wirkungsvoll sein.

Welche Energietechnologien sind eher kritisch hinsichtlich Akzeptanz, bei welchen gibt es eher keine Probleme?

Witte: Problematisch sind nach wie vor Atomenergie und fossile Energieträger. Biogasanlagen standen am Anfang ebenfalls in der Kritik, aber auch gegen Tiefengeothermie- und Windkraftanlagen gibt es immer wieder Proteste. Grundsätzlich ist die Akzeptanz gegenüber erneuerbaren Energien aber nach wie vor hoch. Für Grünen Wasserstoff gibt es hier noch einen großen Forschungsbedarf.

Was kann man tun, um die Akzeptanz von Grünem Wasserstoff zu steigern?

Witte: Hier geht es zum einen um die Vermittlung von Wissen und Informationen, zum anderen aber auch ganz stark um Bürgerbeteiligung, gerade wenn unterschiedliche Bedarfe und Zielsetzungen aufeinanderprallen. Doch Partizipation ist viel mehr als die bloße Vorbeugung von Widerständen. Denn wenn Bürgerinnen und Bürger ihre lebensweltliche Expertise einbringen, ermöglichen sie auch eine bessere Planung, können Fehlentwicklungen korrigieren und Fehlinvestitionen verhindern helfen. Ein ergebnisoffener Austausch auf Augenhöhe und eine echte Mitbestimmung haben für alle Beteiligten Vorteile. So schafft Partizipation mehr Nachhaltigkeit.

Energiewende im sozialen Raum

Warum gibt es in der Energiewendedebatte eine zunehmende Spaltung zwischen städtisch und ländlich geprägten Räumen? Sind ländliche Räume Verlierer der Transformation oder bringt die Energiewende auch Chancen für regionale Entwicklung mit sich?

Diese und weitere Fragen stehen im Fokus des Forschungsprojekts ESRa – Energiewende untersuchen im sozialen Raum. Für die beiden Modellregionen Berlin sowie Spree-Neiße entwerfen die Projektpartner Szenarien und zeigen innovative Handlungsoptionen auf.

ESRa wird unter anderem vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung und vom Global Climate Forum geleitet und soll dazu beitragen, den Erfolg der Energiewende zu sichern.

Bildnachweise


  • Bild „Wasserstoff erleben“: ©sss78 – stock.adobe.com
  • Bild Interview: © Wuppertal Institut/S. Michaelis

Hinweise


Die Texte stammen aus dem Dossier „Grüner Wasserstoff“ des PtJ-Geschäftsberichts 2020.
Redaktion:

  • Projektträger Jülich, Forschungszentrum Jülich GmbH
  • PRpetuum GmbH

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