Lebenselixier der Wirtschaft

Sie sind Lebenselixier der Wirtschaft und Motor des strukturellen Wandels: Start-up- Unternehmen bringen Innovationen hervor, schaffen Arbeitsplätze und fördern so den Wettbewerbsgedanken. Für Wachstum und Internationalisierung brauchen die Gründer allerdings eine verlässliche Finanzierung. Hier setzt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie mit gut ausgebauten Förderprogrammen an. Insbesondere Start-ups aus der Informations- und Kommunikationstechnologiebranche (IKT) profitieren von diesen Programmen. Für viele dieser IKT-Gründer spielt der Fortschritt der Digitalisierung eine entscheidende Rolle – sowohl für die eigenen Produktions- und Geschäftsprozesse als auch für Endprodukte. Der Projektträger Jülich begleitet im Rahmen der Projektträgerschaft für das Förderprogramm EXIST jährlich rund 160 Gründungsvorhaben mit IKT-Geschäftsmodellen und stärkt mit disruptiven Innovationen nicht nur den Gründergeist in Deutschland, sondern treibt auch die Digitalisierung von Unternehmen, Arbeitswelt und Gesellschaft voran.

Berlin als Sprungbrett für internationale Märkte

Es ist eines der Start-up-freudigsten Länder der Welt: Israel besitzt die höchste Gründungsquote pro Einwohner. Insbesondere Tel Aviv gilt als Hochburg für Jungunternehmer, die sich auf Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) spezialisieren. Doch der Markt ist – mit Blick auf die geringe Einwohnerzahl – deutlich zu klein. Viele Israelis verlassen deshalb schon in einer frühen Gründungsphase das Land in Richtung Silicon Valley oder New York. Dass Europa spannende Alternativen bietet, ist vielen nicht klar.

„Mit EXIST Start-up Germany – Israel wollen wir gründungsbegeisterte Israelis nach Deutschland einladen und zunächst mit der Start-up-Hochburg Berlin und den dort ansässigen Gründungsunternehmen und Hochschulnetzwerken vernetzen“, erklärt Thomas Großmann vom Projektträger Jülich (PtJ). Denn insbesondere Berlin und Potsdam haben sich in den vergangenen Jahren europaweit zu einer der wichtigsten Regionen für Start-ups entwickelt. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat das zweijährige Modellprojekt im Juni 2015 auf den Weg gebracht, PtJ hat die förderpolitische Umsetzung übernommen. Die Initiative wird von den Universitäten in Berlin und Potsdam unter Federführung des Centre for Entrepreneurship der Technischen Universität Berlin organisiert. Ziel ist es, die deutsch-israelische Zusammenarbeit in den Bereichen Start-ups, Innovationen und Wissenschaft zu stärken. Damit wird das bisherige EXIST-Programm um eine weitere Internationalisierungsmaßnahme ergänzt.

„Die Maßnahme dient der direkten Vorbereitung auf eine Antragstellung in den beiden EXIST-Programmlinien Gründerstipendium und Forschungstransfer“, erklärt Großmann. Die Teilnehmer lernen zunächst Berlin und die Umgebung kennen und sondieren die Chancen ihrer Gründungsidee. Läuft alles nach Plan, beantragen sie im Anschluss das Gründerstipendium oder den Forschungstransfer. Die Gründungsnetzwerke und Mentoren der Berliner Universitäten und Potsdam beraten bei der Antragstellung und PtJ begutachtet später die eingereichten  Geschäftsideen. Insbesondere das Gründerstipendium eignet sich für IKT-Existenzgründer: „Etwa 60 Prozent unserer Antragsteller kommen aus dem Bereich“, erklärt Großmann. Die zwölf Monate Förderung bieten eine optimale Basis, um die Gründung eines technologiebasierten Start-ups vorzubereiten.

Auch deutsche Existenzgründer profitieren von der deutsch-israelischen Zusammenarbeit: „Junge Israelis sind oft weltweit vernetzt und verfügen über einen sehr agilen Start-up Spirit“, erklärt Großmann. Insbesondere für IKT-Gründungen ist es wichtig, möglichst frühzeitig international Fuß zu fassen. EXIST Start-up Germany – Israel hilft dabei, dass die Gründungsteams internationaler werden und damit globaler denken: Neue Märkte rücken automatisch in den Fokus.

Informationen im Internet unter existstartupgermany.com

Kleine Geste – grosse Wirkung

Wischen statt tippen: Das Lübecker Start-up-Unternehmen gestigon entwickelt und vermarktet Softwarelösungen, um Geräte durch Gesten zu steuern. Die berührungslose Navigation ist auf dem Weg zur Marktreife.

Schwarze Hose, weißes Hemd, das Sakko hängt an der Garderobe – Moritz von Grotthuss trägt gern Anzüge – und ist damit der Einzige in der Büroetage von gestigon im Lübecker Technologiepark. Die übrigen 24 Männer und drei Frauen sitzen in Jeans und T-Shirt am Rechner. Doch das stört den hochgewachsenen Geschäftsführer genauso wenig wie sein Alter: Mit 45 ist er der Älteste im Team. Sein Kompagnon, der technische Geschäftsführer Sascha Klement, ist zehn Jahre jünger, die Mitarbeiter sind im Schnitt 32 Jahre alt. Klement hat das Unternehmen 2011 auf den Weg gebracht – als Ausgründung der Universität Lübeck und mit Unterstützung des vom Projektträger Jülich im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie umgesetzten Programms EXIST-Forschungstransfer.

Im Vorfeld hatte der promovierte Informatiker über zehn Jahre am Institut für Neuro- und Bioinformatik über 3-D-Kamerasysteme geforscht. Sie liefern die Rohdaten für jene Software, die gestigon entwickelt, um elektronische Geräte berührungslos durch Gesten und Bewegungen zu bedienen: Ein Fingerschnipp und das Radio schaltet sich an, eine Wischbewegung in der Luft und der Rechner fährt runter. Das Prinzip: Die 3-D-Sensoren erfassen die Bewegung des Nutzers, die Software ordnet sie einem bestimmten Befehl zu. Die Lösung von gestigon läuft auf allen herkömmlichen Betriebssystemen und bietet Schnittstellen zu den am Markt verfügbaren 3-D-Kameras. So lässt sich die Lösung flexibel in die Hard- und Softwareumgebung der gestigon-Kunden integrieren. Für das Lübecker Start-up hat sich eine kreative digitale Spielwiese eröffnet: „Unsere Middleware eignet sich besonders gut für alle mobilen Anwendungen wie Mobiltelefone, Tablets, Fernbedienungen, Navigationssysteme, aber auch für Automotive, PCs, Gaming, digitale Beschilderung oder Medizintechnik.“

Große Chancen sieht von Grotthuss im Automobilbereich. Der Jurist hat konkrete Vorstellungen von einer berührungsfreien Zukunft: Er will sich eines Tages in sein Auto setzen können, das ihn mithilfe der Sensoren und der integrierten Software erkennt und entsprechend den Sitz, die Armlehnen und die Spiegel einstellt. Und wenn seine Töchter es sich auf der Rückbank gemütlich machen, passt sich der Airbag individuell an jede neue Sitzposition der Mädchen an. Greift der Unternehmer nachts in Richtung Handschuhfach, öffnet es sich automatisch und das Licht schaltet sich an. Noch sind es Visionen, die bis zum autonomen Fahren reichen. Doch ohne Visionen gibt es keinen Fortschritt: Inzwischen arbeitet gestigon zusammen mit namhaften Automobilherstellern und -zulieferern an einer Gestensteuerung für Autos. Ende 2016 sollen die ersten Produkte in Serie hergestellt werden – was sich dahinter verbirgt, bleibt bis dahin Betriebsgeheimnis.

Dass der Anwalt und der Informatiker ein zukunftsträchtiges Unternehmen führen, verdanken sie dem Zufall. „Ich habe Klement 2011 bei der Ausgründung beraten“, erzählt von Grotthuss. Er arbeitete zu jenem Zeitpunkt noch für ein Unternehmen, das sich auf die Beratung von Start-ups spezialisiert hatte. Auch wenn die Wellenlänge stimmte, wurde schnell klar, dass Klements Geschäftsmodell nicht in das Portfolio der Beratungsfirma passte.

Ein gemeinsames Ziel

Wenige Monate später verließ von Grotthuss seinen Arbeitgeber, erinnerte sich an den Lübecker Wissenschaftler und kontaktierte ihn. Der Jurist stieg kurz darauf bei gestigon ein – zunächst als Berater, ab Juli 2012 als Geschäftsführer. Die beiden Männer trafen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen aufeinander, von denen sie bis heute profitieren: der damals 41-Jährige mit 15 Jahren Berufserfahrung in verschiedenen Managementpositionen und der 31-Jährige, der bis dahin vor allem „Uni-Luft“ geschnuppert hatte. Doch beide hatten und haben dasselbe Ziel: ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen und zu führen. Und das gelingt ihnen, denn gestigon verdoppelt jedes Jahr seinen Umsatz, im Team gibt es kaum Fluktuation. Wer kommt, der bleibt. „Wir bieten faire Gehälter und legen großen Wert darauf, dass die Innovationsfreudigkeit, die wir als Start-up brauchen, gelebt werden kann“, erläutert von Grotthuss. Und sie sind auf Wachstum eingestellt. 2016 bezieht gestigon eine größere Büroetage im Technologiepark. Bereits 2014 wagte das Unternehmen den Schritt in die USA: „Das war notwendig“, erklärt von Grotthuss. Das kalifornische Silicon Valley ist nicht nur Innovationsstandort für den IT-, sondern auch für den Automobilbereich. Alle Hersteller und Zulieferer besitzen dort Innovationsbüros und scannen den Technologiemarkt. „Dort passiert unglaublich viel in einer Geschwindigkeit, die in Deutschland nicht gehalten werden kann“, erklärt von Grotthuss. Das Lübecker Unternehmen steckt mittendrin und baut sein Netzwerk aus. „Wir generieren dort noch wenig Umsätze, aber wenn es darum geht, bekannt zu werden, Begehrlichkeiten am Markt zu wecken, dann ist das der richtige Ort“, ist von Grotthuss überzeugt.

2015 wurde gestigon als einziges Unternehmen aus Schleswig-Holstein in dem Wettbewerb Deutschland – Land der Ideen 2015 ausgezeichnet. „Das Unternehmen ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie wir hierzulande den digitalen Wandel gestalten: nämlich entlang der Bedürfnisse und des Alltags der Menschen“, hieß es in der Entscheidung der Jury. Für Sascha Klement Grund genug, sein T-Shirt einmal gegen ein Hemd zu tauschen.

Hinweis

Die Texte stammen aus dem Dossier „Digitalisierung“ des PtJ-Geschäftsberichts 2015.

Redaktion:

  • Projektträger Jülich
  • Christian Hohlfeld
  • Katja Lüers

Bildnachweise


  • Hintergrundbild „Lebenselixier der Wirtschaft“: Idzanake/iStock/thinkstock
  • Hintergrundbild „Kleine Geste – Große Wirkung“: Grundlage: algre/iStock/thinkstock

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