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Für eine biobasierte nachhaltige Zukunft

Der Geschäftsbereich Bioökonomie (BIO) setzt unter anderem für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und verschiedene Landesministerien im Rahmen der Projektförderung die Forschungsförderung zur Bioökonomie um. Insbesondere das BMBF wird bei der Umsetzung und Weiterentwicklung von Fördermaßnahmen im Rahmen der Nationalen Bioökonomiestrategie (vormals Nationale Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030) unterstützt.

Welche Lösungen die Bioökonomie für die großen Herausforderungen unserer Zeit bereithält, wie die Zukunft der Bioökonomie-Forschung aussieht und wie Wissenschafts-Trends in neue Maßnahmen überführt werden, erklärt Dr. Stefan Rauschen, Geschäftsbereichsleiter BIO, im Interview.

Was ist der Auftrag des Projektträgers Jülich (PtJ) im Geschäftsbereich Bioökonomie?

DR. STEFAN RAUSCHEN, LEITER DES GESCHÄFTSBEREICHES BIOÖKONOMIE: Wir haben als Projektträger den Auftrag, mit Hilfe der Forschungsförderung die Bioökonomie in Deutschland voranzubringen. Dabei decken wir ein breites Spektrum an Disziplinen ab: Landwirtschaftliche Praxis, Pflanzenphysiologie, Bodenforschung und Ökosystemforschung gehören genauso zu unseren Themen wie die Biotechnologie und andere Verfahren zur Nutzung von Biomasse im Bereich der Verfahrenstechnik.

Uns ist wichtig, dass die Bioökonomie nicht im Elfenbeinturm der Wissenschaft bleibt. Die von uns geförderten Projekte sollen einen Beitrag dazu leisten, die Bioökonomie im Alltag der Menschen zu integrieren und so ihr Potenzial zu entfalten. Deshalb setzen wir uns intensiv damit auseinander, wie die Bioökonomie in der Gesellschaft wahrgenommen wird, welche Bedenken und Erwartungen es gibt. Schließlich müssen wir diese Sichtweisen in Übereinstimmung bringen mit dem, was technisch machbar, aber auch wirtschaftlich und nachhaltig ist. Dazu gehört auch, Verwertungsperspektiven zu entwickeln.

Wir befassen uns darüber hinaus mit sozioökonomischen Fragen, für die wir mit Fachleuten aus Politikwissenschaft, Soziologie, Betriebs- und Volkswirtschaft und Wirtschaftsgeographie zusammenarbeiten. Projekte zur Wissenschaftskommunikation werden ebenfalls gefördert.

Bioökonomie findet auf der gesamten Welt statt, weshalb wir auch Projekte und Forschungskooperationen auf europäischer und internationaler Ebene fördern.

Der Projektträger Jülich berät das BMBF im Bereich der Bioökonomie. Wie erkennen Sie Forschungstrends von morgen und wie entstehen daraus neue förderpolitische Maßnahmen?

RAUSCHEN: Es gibt ganz unterschiedliche Stränge, wie wir zu neuen Förderideen oder Fördermaßnahmen kommen. Ausgangspunkt sind oft wissenschaftliche Arbeiten, aus denen heraus wir Trends aufspüren. Potential wird zum Beispiel erkennbar, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse innerhalb kurzer Zeit in sehr vielen Veröffentlichungen behandelt werden. Oder wenn Themen – wie etwa die Genomeditierung mittels CRISPR-CAS – schnell von vielen Arbeitsgruppen aufgegriffen und intensiv weiterberarbeitet werden. Hier knüpfen wir an und entwickeln für unseren Auftraggeber Vorschläge, wie eine mögliche Forschungsförderung aussehen kann. Zusätzlich bekommen wir aus den von uns betreuten Projekten mit, welche neuen technischen Möglichkeiten sich abzeichnen.

Was Regierungen und Förderer im Bereich Bioökonomie unternehmen, erfahren wir außerdem auf nationalen und internationalen Tagungen, Konferenzen und über unsere Nationale Kontaktstelle Bioökonomie mit.

Neben Statusseminaren organisieren wir Fachgespräche, Workshops oder Kongresse mit Expertinnen und Experten aus der Industrie, dem Hochschulbereich bis hin zu NGOs und Stiftungen. Gerade für die Entwicklung förderpolitischer Maßnahmen wollen wir einen möglichst breiten fachlichen Input mobilisieren.

… Wir haben als Projektträger den Auftrag, die Bioökonomie in Deutschland voranzubringen. Die geförderten Projekte sollen einen Beitrag dazu leisten, dass die Bioökonomie im Alltag eines jeden Menschen ankommt.

Dr. Stefan Rauschen leitet den PtJ-Geschäftsbereich Bioökonomie.

Warum ist die Projektförderung der Bioökonomie durch den Bund so wichtig?

RAUSCHEN: Viele Investitionen in biobasierte Innovationen sind für Firmen derzeit noch nicht profitabel. Deshalb ist es wichtig, notwendige Forschung durch politisch richtungsweisende Entscheidungen zu stützen. Mit gezielter Förderung von wissenschaftlich- technologisch exzellenten Neuerungen durch die öffentliche Hand werden im Bereich Bioökonomie Anwendungen ermöglicht.

Das heißt auch, auf klare Anwendungsperspektiven hin zu fördern, auch wenn das mit gewissen Unsicherheiten verbunden ist. Dabei erfahren wir auch, ob alles technisch klappt und sich lohnt, oder ob es vielleicht neue Rahmenbedingungen braucht.

Welchen Einfluss hatten die bisherigen förderpolitischen Maßnahmen auf die gesamte Forschungslandschaft zur Bioökonomie?

RAUSCHEN: Neben konkreten Projekten und Ergebnissen wird mit Hilfe der Projektförderung auch die Vernetzung von verschiedenen Ideen und Technologien in der Bioökonomie vorangetrieben. Gerade innerhalb der Bioökonomie gilt beispielsweise häufig das Motto: Was für den einen Abfall ist, ist für den anderen Rohstoff. Auf diesem Weg kommen ganz unterschiedliche Akteure zusammen, die gemeinsam Neues erarbeiten.

Die über uns geförderten Projekte sind gezielt auf Interdisziplinarität ausgelegt. Hier verbinden sich Menschen aus den Bereichen Biotechnologie und Sozioökonomie, oder Fachkräfte aus der Landwirtschaft entwickeln gemeinsam mit Menschen aus dem Umweltschutz schonende landwirtschaftliche Verfahren. Wir bringen solche ganz unterschiedlichen Perspektiven zusammen, um eine breite fachliche Basis für die Bioökonomie zu schaffen. Auch auf europäischer Ebene sieht man, dass die Bioökonomie so einen strukturell mobilisierenden Effekt hat.

Was fasziniert Sie an der Bioökonomie persönlich?

RAUSCHEN: Mich fasziniert, dass wir von ganz unterschiedlichen Disziplinen kommend mit der Bioökonomie eine nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsweise entwickeln können. Wir als Gesellschaft tragen eine Verantwortung, uns weiterzuentwickeln und müssen dafür Sorge tragen, dass unser Planet auch in Zukunft lebenswert bleibt. Das bedeutet, dass wir langfristig in Richtung Nachhaltigkeit gehen müssen. Die Bioökonomie ist hier kein Allheilmittel, aber sie geht wichtige Schritte in die richtige Richtung: Wir sammeln Wissen und versuchen mit diesem aktuelle Bedürfnisse zu befriedigen, ohne die Möglichkeit zukünftiger Generationen einzuschränken. Dabei müssen wir natürlich auch Themen wie unser Konsumverhalten in den Blick nehmen und neu denken.

AUF DEM WEG IN EINE NACHHALTIGE UND BIOBASIERTE ZUKUNFT

Welche Lösungen hält die Bioökonomie für die großen Herausforderungen unserer Zeit wie beispielsweise dem Klimawandel bereit?

RAUSCHEN: Die Lösungsansätze für den Klimawandel sind so vielseitig wie diese Herausforderung komplex ist. Derzeit wird darauf abgezielt, möglichst wenig CO2 bei Produktionsprozessen freizusetzen. Eine andere Möglichkeit ist, CO2 aus der Atmosphäre wieder herauszuholen und es beispielsweise durch neue biotechnologische Verfahren als Rohstoff zu nutzen. Oder die Senkenfähigkeit von landwirtschaftlichen Böden durch entsprechendes Management zu steigern. Auch Ansätze in der Pflanzenforschung verfolgen wir, mit denen die Fähigkeit der Pflanzen, atmosphärisches CO2 aufzunehmen und in Ertrag umzusetzen, gesteigert werden sollen.

In der Bioökonomie beschäftigen wir uns gleichzeitig mit der Klimafolgenanpassung. Es ist bereits klar, dass wir an einer Klimaveränderung in einem gewissen Umfang nicht vorbeikommen werden. Deshalb ist es wichtig, zum Beispiel landwirtschaftliche Produktionssysteme gezielt auf die kommenden Herausforderungen einzustellen, zum Beispiel mit dürre- und schädlingsresistenten Pflanzen.

In der neuen Nationalen Bioökonomiestrategie wird erwähnt, dass die Ressourcenbasis der Wirtschaft nachhaltig ausgerichtet sein soll und zudem die Belastungsgrenzen von Ökosystemen im Blick bleiben sollen. Was heißt das?

RAUSCHEN: Auf Nachhaltigkeit ausgerichtet bedeutet zunächst, dass biobasierte Rohstoffe vollständig und am besten in Kreisläufen genutzt werden. Besonders nachwachsende Rohstoffe sind dafür geeignet. Als Biomasse eignen sie sich als Lebens- und Futtermittel, als Fasern für Kleidung, Holz für Möbel oder den Hausbau. Biosprit und Bioplastik sind weitere Verwendungsmöglichkeiten. Auch übrigbleibende Abfall- oder Reststoffe – zum Beispiel aus Produktionsschritten oder dem Abriss eines Hauses − können noch für die Energieerzeugung genutzt werden. Aber das sollte ganz am Ende einer Kaskadennutzung stehen, denn dabei entweicht natürlich wieder CO2 in die Atmosphäre.

Beim Ausbau der Bioökonomie müssen daher von Beginn an auch die Belastungsgrenzen von Ökosystemen mitgedacht werden. Nachhaltige Bioökonomie muss außerdem Konflikte in der Flächen- oder Ressourcennutzung berücksichtigen – und zwar weltweit.

Die Grundidee der Bioökonomie ist, die Natur besser zu verstehen und diese Erkenntnisse für uns Menschen nutzbar zu machen. Mit dieser „Inwertsetzung“ erfährt die Natur auch auf wirtschaftlicher Ebene Wertschätzung. Deshalb sind Natur- und Umweltschutz für die Bioökonomie von großer Bedeutung: Nutzen und Schutz müssen Hand in Hand gehen.

Die Zukunft der Bioökonomie wird sehr bunt und vielfältig sein.

Dr. Stefan Rauschen ist PtJ-Geschäftsbereichsleiter Bioökonomie.

Wie sieht die „Zukunft der Bioökonomie“ aus? Welche Schwerpunkte sehen Sie in diesem Bereich?

RAUSCHEN: Unsere Möglichkeiten hängen davon ab, welche Erkenntnisse und Werkzeuge uns zukünftig zur Verfügung stehen. Meiner Meinung nach wird die Bioökonomie der Zukunft sehr bunt und vielseitig sein (müssen). Beispielsweise wird es zwar sicher große integrierte Bioraffinerien geben, aber daneben werden wir vor allem regionale Maßnahmen benötigen. Diese wären dann maßgeschneidert auf die biogenen Ressourcen vor Ort, das vorhandene Knowhow und die technische Machbarkeit.

Ein gutes Beispiel dafür ist die in Nordeuropa entwickelte neue Verwendung für Holz. Bei der klassischen Verarbeitung fallen viele Reststoffe an. Statt diese im Wald verrotten zu lassen, werden sie nun auch anders genutzt: für den Bau von Hochhäusern, zur Nahrungsmittelergänzung, als Ausgangsstoff für T-Shirts, oder um mit Plastikkombinationen Baustoffe für die Automobilbranche herzustellen.

Für die Zukunft sehe ich außerdem, dass wir in der Bioökonomie noch stärker auf internationale Zusammenarbeit setzen werden als bisher. Gerade die dadurch mögliche Arbeitsteilung ist sehr sinnvoll, um einzelne Dinge von denjenigen bearbeiten zu lassen, die in diesem Gebiet die Besten sind.

Zudem wünsche ich mir, dass die Bioökonomie als Teil unseres Alltags noch viel sichtbarer wird. Mit dem Wissenschaftsjahr 2020/2021, welches das Thema Bioökonomie ins Zentrum stellt, gehen wir bereits einen wichtigen Schritt, um die gesellschaftliche Wahrnehmung und Auseinandersetzung zu fördern.

Ihre Ansprechpartner

Dr. Stefan Rauschen

s.rauschen@fz-juelich.de

02461 61-4460

 

Dr. Roman Zimmermann

ro.zimmermann@fz-juelich.de

02461 61-3750

Bildnachweise


Fotos von Dr. Stefan Rauschen – Limbach/ Forschungszentrum Jülich

Hand mit Pflanze – ©BillionPhotos.com – stock.adobe.com

Wald - ©John Smith – stock.adobe.com

Projektträger Jülich – erkennen. fördern. gestalten.


Der Projektträger Jülich arbeitet im Auftrag von:
Der Projektträger Jülich in Zahlen im Jahr 2020
1.372
Mitarbeiter/innen
30.350
Laufende Vorhaben
2192
Fördervolumen in Mio. Euro
4
Geschäftsstellen

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