Entwicklung der Biotechnologie

Gewächshaus (© shutterstock.com/g/pixinoo)
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Noch Anfang der neunziger Jahre sagte man Deutschland nach, es habe die Entwicklung in der Biotechnologie verschlafen. Während sich hierzulande nur eine Handvoll Unternehmen schwerpunktmäßig mit Biotechnologie befasste, waren es in den USA bereits über tausend. Knapp ein Vierteljahrhundert später zeichnen die aktuellen Kennzahlen des Branchenreports Biotechnologie ein anderes Bild: Mit 570 Unternehmen, rund 17.000 Beschäftigten und einem Umsatz von 2,86 Milliarden Euro nimmt der deutsche Biotechnologie-Sektor im europäischen Vergleich eine Spitzenposition ein. Auch der Projektträger Jülich hat an dieser Entwicklung seinen Anteil.

„Die erfolgreiche Aufholjagd verdankt die deutsche Biotechnologiebranche maßgeblich der Forschungs- und Förderpolitik der Bundesregierung in den letzten Jahrzehnten“, so Dr. Hans-Michael Biehl, Leiter Biologische Innovation und Ökonomie (BIO) beim Projektträger Jülich. Das Forschungsministerium hatte früh die Potenziale der Biotechnologie und Molekularbiologie erkannt und erste Vorhaben bereits seit 1968 gefördert. Einen nicht unwesentlichen Anteil an diesem Erfolg hat auch der Projektträger Jülich, der seit 1978 mit der Projektträgerschaft Biotechnologie dem BMBF als kompetenter und verlässlicher Partner in der Forschungsförderung zur Seite steht. „Von Beginn an haben wir die unterschiedlichsten Förderformate umgesetzt und dabei für unsere Auftraggeber sichergestellt, dass diese Instrumente ihre volle Wirkung entfalten“, erklärt Biehl.

Förderung von Genzentren

Einen frühen Meilenstein in der Entwicklung der deutschen Biotechnologie stellt die Gründung der Genzentren dar. Deutschland mangelte es Anfang der 1980er Jahre vor allem an grundlegenden Strukturen für eine international konkurrenzfähige Biotechnologie. Daher beauftragte das Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) den Projektträger Jülich, die Etablierung von Genzentren voranzubringen, zunächst in Heidelberg und Köln (1982), danach auch in München (1984) und Berlin (1987). Angestoßen durch die Förderung konnten weitere Geldgeber, etwa die Bundesländer, die Max-Planck-Gesellschaft und die Europäische Gemeinschaft, gewonnen werden. Erstmals gelang es auch, die chemisch-pharmazeutische Industrie in den Aufbau einer Forschungsinfrastruktur in Deutschland einzubinden. „Mit Auslaufen der Förderung in 1995 hatte PtJ wesentlich dazu beigetragen, die moderne Biotechnologie in Deutschland als Forschungsfeld zu etablieren“, erinnert sich Biehl.

BioRegio-Wettbewerb

Einen kräftigen Entwicklungsschub Richtung Kommerzialisierung erfuhr die deutsche Biotechnologie durch den Regionen-orientierten Innovationswettbewerb BioRegio, den PtJ ab 1995 für das BMFT durchführte. Ein Jahr später sollten die ehemaligen Genzentren Heidelberg, Köln und München als Teil der Modellregionen Rhein-Neckar-Dreieck, Rheinland und München erfolgreich aus dem Wettbewerb hervorgehen. „Über die reguläre Projektförderung hinaus betreuten wir ab 1997 zusätzliche Förderprojekte in den Siegerregionen. Als ein Effekt der Förderung verdoppelte sich in zwei aufeinander folgenden Jahren jeweils die Zahl der Biotechnologieunternehmen“, erklärt der damals verantwortliche Leiter bei BIO, Dr. Hartmut Paetsch, der inzwischen den Bereich Technologische und regionale Innovationen (TRI) beim Projektträger verantwortet. Ende 1997 konnte Deutschland bereits gut 300 Biotech-Firmen aufweisen. Die ebenfalls von PtJ durchgeführten Nachfolgemaßnahmen BioProfile und BioChance führten den Erfolg von BioRegio fort und verstetigten die Entstehung eines kommerziellen Biotech-Sektors in Deutschland. Neben einem überdurchschnittlichen Gründungsboom gelang es durch das geschickte Zusammenwirken des Projektträgers mit unterschiedlichen Akteuren aus Forschung, Industrie und Politik, die Biotechnologie-Landschaft in Deutschland zu strukturieren und ihr internationales Ansehen erheblich zu verbessern.

BioFuture-Wettbewerb

Neben der Ausbildung von Strukturen für mehr Wettbewerbsfähigkeit verfolgte die Bundesregierung ab den 1990er Jahren das Ziel, neue Ideen für Innovationen zu unterstützen und dem Fachkräftemangel in der Biotechnologie entgegenzuwirken. Daher wurde ein Schwerpunkt auf die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses gelegt. Der von PtJ ab 1998 durchgeführte BioFuture-Wettbewerb sollte sich dabei als eine der erfolgreichsten Fördermaßnahmen des BMBF überhaupt herausstellen: Bis 2011 beteiligen sich mehr als 1500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Neben der Möglichkeit, eine akademische Laufbahn einzuschlagen, unterstützte BioFuture Forschungsarbeiten, die in Unternehmensgründungen mündeten. Insgesamt gingen so aus dem Wettbewerb rund 45 Berufungen an deutsche und ausländische Universitäten sowie 17 Unternehmensgründungen mit mehr als 250 Beschäftigten hervor.

Gründungsoffensive Biotechnologie (GO-Bio)

© istockphoto.com/AlexRaths
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Die Besonderheit des BioFuture-Programms, wissenschaftsbasierte Ausgründungen zu fördern, führt die vom BMBF und PtJ gemeinsam konzipierte und 2005 aufgelegte Gründungs-Offensive Biotechnologie (GO-Bio) konsequent weiter. In GO-Bio werden wissenschaftliche Arbeitsgruppen mit dem Ziel gefördert, die Anwendungs-potenziale ihrer Forschungsthemen und deren Weiterentwicklung herauszu-arbeiten, technologisch zu validieren und einer kommerziellen Verwertung mit Fokus auf eine unternehmerische Selbst-ständigkeit zuzuführen. In bisher 21 Fällen führte die GO-Bio-Förderung zu einer Firmengründung bzw. Aufnahme der operativen Geschäftstätigkeit. Die gegründeten Firmen konnten bereits mehr als 50 Mio. Euro Privatkapital akquirieren. „Insgesamt konnten wir BioFuture und GO-Bio zu erfolgreichen Instrumenten für den Technologietransfer und die Kommerzialisierung in der Biotechnologie und somit als Aushängeschild für unsere Auftraggeber entwickeln“, so Biehl.

Der Weg zur Bioökonomie

Nicht nur in den zurückliegenden Jahrzehnten hat der Projektträger Jülich die biotechnologische Forschungslandschaft bedeutend mitgeprägt. Derzeit setzt er für das BMBF z. B. die Fördermaßnahmen zur Nationalen Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030 um. Mit der Forschungsstrategie Bioökonomie gibt die Bundesregierung Impulse für die Entwicklung hin zu einer bio-basierten Wirtschaft. Im Rahmen des unter der Forschungsstrategie laufenden Strategieprozesses „Nächste Generation biotechnologischer Verfahren – Biotechnologie 2020+“ wirkt PtJ dabei gezielt auch bei der Ausgestaltung der zukünftigen Biotechnologie mit. Der Strategieprozess hat das Ziel, die Entwicklung einer nächsten Generation biotechnologischer Verfahren mit Hilfe passgenauer Fördermaßnahmen anzustoßen. „Wir werden mehr und mehr auch in die strategischen Planungen im Vorfeld einer Fördermaßnahme involviert“, erklärt Dr. Rudolf Straub, Leiter des Geschäftsbereichs BioÖkonomie bei PtJ. Der Projektträger hat das BMBF z. B. nicht nur bei der Planung des Strategieprozesses als solchem, sondern auch bei der Entwicklung der aus ihm hervorgegangenen Fördermaßnahmen „Basistechnologien für eine nächste Generation biotechnologischer Verfahren“ und „Forschungspreis Biotechnologie 2020+“ unterstützt.

Die Rolle des Projektträgers Jülich

Von der Etablierung der modernen Biotechnologie als Forschungsfeld in Deutschland über die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und der Förderung von innovativen Ideen bis hin zur strategischen Ausrichtung der Biotechnologie hat der Projektträger für das BMBF die biotechnologische Entwicklung entscheidend mitbeeinflusst. Gerade die Bindegliedfunktion zwischen der Zielsetzung einer Ausschreibung und ihrer Verwirklichung durch die entsprechend geförderten Forschungsarbeiten trägt wesentlich zur Entwicklung von forschungsintensiven und hochinnovativen Branchen wie der Biotechnologie bei. Wie an dem Beispiel des Strategieprozesses deutlich wird, nimmt die Rolle des Projektträgers als Gestalter der Förderlandschaft stetig zu. Seinen eigenen Erfolg verbucht er für sich darin, seinen Auftraggebern stets ein kompetenter und loyaler Partner zu sein.

Ein Beitrag von Dr. Roman Zimmermann, Referent für Strategie im Geschäftsbereich Biologische Innovation und Ökonomie (BIO).

Entstehung der Projektförderung

Förderung der Energieforschung

Entwicklung der Umweltforschung

Förderung der Materialforschung

Regionen-orientierte Innovationsförderung

Europäischer Forschungsraum