Die Entstehung des Projektträgers Jülich

Die Entstehung von PtJ
Die Entstehung des Projektträgers Jülich (Grafik zum Vergrößern anklicken)

Seit vier Jahrzehnten unterstützt der Projektträger Jülich die öffentliche Hand bei der Förderung der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung in Deutschland. Geprägt von kontinuierlichen Veränderungsprozessen hat sich PtJ zu einem thematisch breit gefächerten Projektträger entwickelt. In seiner Geschichte spiegeln sich die Reaktionen der deutschen Forschungspolitik auf sich wandelnde politische, ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Herausforderungen wider.

Als im Herbst 1973, in der Folge des Jom-Kippur-Krieges, der Rohölpreis dramatisch anstieg, wurde deutlich, wie hoch die Abhängigkeit Deutschlands vom Öl war. Die Bundesrepublik musste 1974 gut 150 Prozent mehr für Rohöl bezahlen als im Vorjahr, die Industrieproduktion sank, das Bruttosozialprodukt stagnierte und die Arbeitslosigkeit stieg stark an. Bis heute symbolisieren die autofreien Sonntage diese Energiekrise.

Bereits Anfang 1974 versuchte die Regierung Brandt dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Die Importabhängigkeit auf dem Energiesektor sollte vermindert, Energieverluste minimiert und ein vielfältiges Energieangebot langfristig gesichert werden – das erste Energieforschungsprogramm sollte zu diesen Zielen einen Beitrag leisten. Dieses Rahmenprogramm bedeutete einen drastischen Zuwachs an Mitteln für die Projektförderung, die für das Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) nicht mehr ohne externe Unterstützung zu verwalten waren. Aus diesem Grund etablierte das BMFT ab 1973/74 Projektträgerschaften, die es im Rahmen der Projektförderung administrativ entlasten sollten. Mit der Einrichtung der Projektträgerschaften an Großforschungseinrichtungen, welche im Wesentlichen durch den Bund finanziert werden, etablierte sich der Bund zudem endgültig als zentraler forschungspolitischer Akteur.

Die Etablierung der Projektförderung als forschungsspolitisches Instrument

Rahmenprogramm Energieforschung
Der erste Jahresbericht
der PLE, 1974.

Der nichtnukleare Teil des Energieforschungsprogramms wurde der Projektleitung Energieforschung (PLE) übertragen. Die räumliche Nähe zum Bonner Ministerium, die fachliche Expertise auf dem Gebiet der Energieforschung sowie die Kontrollmöglichkeiten des Bundes machten die damalige Kernforschungsanlage Jülich (KFA) zu einem attraktiven Standort für die Projektträgerschaft. Am 1. Oktober 1974 nahm PLE unter der Leitung von Dr. Dr. Hans-Jochen Stöcker mit 15 Beschäftigten und 110 Millionen DM Fördermitteln die Arbeit auf. Nachdem erste Anlaufschwierigkeiten überwunden waren, etablierte sich das Instrument der Projektträgerschaften im Allgemeinen und die PLE im Speziellen zu einem effektiven System. Bereits zum Ende des Rahmenprogramms Energieforschung, 1977, betreuten 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter 790 bewilligte Projekte und zahlten 272 Millionen DM Fördergelder an Zuwendungsempfänger aus. Ein Großteil der finanziellen Mittel entfiel auf die Forschungsbereiche Kohleumwandlung und Rationelle Energienutzung.

Der Erfolg der Projektförderung machte den Weg frei für weitere Projektträgerschaften. 1976 übernahm die KFA die Projektleitung Organohalogenverbindungen in der Umwelt (PLO) unter der Leitung von Prof. Dr. Fritz Führ. Anfangs konzentrierte sich die Förderung auf Projekte, die die biologisch-chemischen Belastungen von Ökosystemen untersuchten. Mit den Vorarbeiten zum Chemikaliengesetz rückten verstärkt Projekte in den Fokus, die die Wirkungen von Chemikalien auf die Umwelt untersuchten. 1979 erfolgte daher die Umbenennung in Projektträger Umweltchemikalien (PTU). Als Mitte der 1980er Jahre das Waldsterben in aller Munde war, verlagerte sich der Fokus der Förderung erneut: Unter dem Namen Projektträger Ökologische Forschung wurden schwerpunktmäßig Projekte zur Waldschadensforschung gefördert.

Schon Anfang der 1970er Jahre hatte die Bundesregierung die Biotechnologie als künftige Schlüsseltechnologie in der Nahrungsproduktion sowie im Lebensmittel- und Gesundheitsbereich identifiziert. Die erst bei der damaligen Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR) angesiedelte Projektträgerschaft Biotechnologie (PTB) wurde 1978 auf Wunsch des BMFT, unter der organisatorischen Leitung von Dr. Walter Schröck-Vietor und getragen von Dr. Ernst-August Witte, bei der KFA angesiedelt. Biologische Schädlingsbekämpfung, Naturstoffforschung und Gentechnik waren nur einige der zahlreichen Themenfelder, in denen PTB Forschungsprojekte förderte.

Die Ausgründung der Projektleitung Rohstoffforschung (PLR) aus der Projektleitung Energieforschung schuf unter der Leitung von Dr. Richard Neumann 1980 einen weiteren Projektträger in der KFA. Katalysator dieser Entwicklung bildete das Sonderforschungsprogramm Stahl, welches seit 1978 bei PLE angesiedelt war. Mit dem ersten Rahmenprogramm zur Rohstoffforschung, das sich vor allem einer gesicherten Versorgung der Bundesrepublik Deutschland mit kostengünstigen Rohstoffen widmete, wurde 1980 schließlich die Einrichtung einer eigenen Projektträgerschaft notwendig.

Ebenfalls 1980 wurde ein weiterer Projektträger ausgebaut, der bereits seit 1974 in der KFA bestand: Die Projektträgerschaft für Nukleare Festkörperforschung, Nuklearchemie und Radionuklidtechnik (PFR) vereinte auf Wunsch des BMFT unter der Leitung von Dr. Hans-Georg Bell die in der KFA bestehende Koordinierungsstelle Nukleare Festkörperforschung mit den Förderungsbereichen Nuklearchemie und Radionuklidtechnik aus der damaligen Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR). Nunmehr wurden alle nationalen und internationalen Hochschulaktivitäten auf diesen Forschungsgebieten ausschließlich durch PFR gefördert.

Der Weg zum Projektträger Jülich

Mit der Etablierung der Projektförderung als forschungspolitisches Instrument ging auch ein Wandel des wissenschaftspolitischen Leitbildes einher. Statt sich voranging auf die Grundlagenforschung zu konzentrieren, galt es nun die volkswirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Mit gezielten Maßnahmen sollte die Leistungsfähigkeit der Wissenschaft gestärkt und diese enger mit wirtschaftlichen Innovationsprozessen gekoppelt werden. Die Projektträgerschaften waren das ideale Instrument dies zu erreichen. Mitte der 1980er Jahre kristallisierte sich allerdings heraus, dass die hohe Anzahl an Projektträgern durchaus problematisch war. Administrative Doppelstrukturen und die starke thematische Begrenzung machten die teils sehr kleinen Projektträgerschaften zunehmend unattraktiv. Unter der Leitung von Dr. Hans-Jochen Stöcker wurde 1986 die Projektleitung Biologie, Ökologie, Energie (PBE) eingerichtet: Um verschiedene Wissenschafts- und Planungsbereiche interdisziplinär an der Bearbeitung aktueller Forschungsfragen zu beteiligen, wurden die Projektträger Energieforschung (PLE), Biotechnologie (PTB) und Ökologische Forschung (PTU) zusammengeführt – ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung des PtJ. Erstmals wurden Forschungsrahmenprogramme verschiedener Fachgebiete formal von einem Projektträger betreut. Darüber hinaus erreichte PBE mit seinen 122 Beschäftigten, 1000 laufenden Projekten und 600 Millionen DM ausgezahlten Fördermitteln eine neue Dimension.

1989 verabschiedete sich Dr. Dr. Stöcker in den Ruhestand und Dr. Helmut Klein übernahm die Leitung der Projektträgerschaft. Er trieb die Integration der ehemals eigenständigen Fachgebiete weiter voran, straffte die Organisationsstruktur des Projektträgers und verlieh ihm mit BEO ein neues Akronym. Mit den Gründungen der Geschäftsstellen Berlin (1990) und Rostock (1991) fällt auch die Etablierung des Projektträgers in den neuen Bundesländern in seine Amtszeit.

Das Jahr 1994 markiert einen weiteren Meilenstein in der Entwicklung von PtJ: Mit der Änderung der Bundeshaushaltsordnung (BHO) wurde eine Beleihung von Projektträgern ermöglicht. Als Folge konnten Projektträgerschaften fortan im eigenen Namen Förderentscheidungen treffen. BEO war der erste Projektträger, der beliehen wurde. Nachdem im gleichen Jahr Dr. Hermann Hamacher kurzzeitig an der Spitze von BEO stand, übernahm 1995 Dr. Peter Krause die Leitung des Projektträgers. 1996 integrierte er PFR und führte 2001 BEO mit der Projektleitung Rohstoffforschung (PLR), die seit 1996 unter dem Namen Neue Materialien und Chemische Technologien (NMT) firmierte, zusammen. Seitdem gilt die themenunabhängige Bezeichnung Projektträger Jülich (PtJ).

Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen

Einweihung des neuen PtJ Gebäudes, 2011
Karsten Beneke, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich, Thomas Rachel (MdB), Parlamentarischer Staatssekretär im BMBF, Dr. Ulrich Schlüter, Dr. Christian Stienen und Jens Kuchenbecker, Leiter des Geschäftsbereichs Planen und Bauen im Forschungszentrum Jülich (v. l. n. r.) vor dem neuen Bürogebäude von PtJ, 2011 (© Forschungszentrum Jülich, Ralf-Uwe Limbach)

In den vergangenen zehn Jahren hat sich PtJ rasant weiterentwickelt. Betreuten 2003 rund 320 Beschäftigte 5000 Forschungsprojekte und 620 Millionen Euro Fördermittel, bewirtschafteten 2013 über 820 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rund 16.000 Forschungsprojekte und 1,4 Milliarden Euro Fördermittel. Damit ist PtJ einer der führenden Projektträger in Deutschland und etablierter Partner zahlreicher Bundes- und Landesministerien sowie der Europäischen Kommission für Wissenschaft und Wirtschaft. Dieses kontinuierliche Wachstum unter der Leitung von Dr. Ulrich Schlüter (2002-2011) und Dr. Christian Stienen (seit 2011) fällt in eine Zeit, in der der Bund massiv in Forschung und Entwicklung investiert hat. Einen Großteil dieser Mittel hat der Bund in die Projektförderung gesteckt. Darüber hinaus hat der Bund einen Paradigmenwechsel des wissenschaftspolitischen Leitbildes eingeleitet. Im Fokus steht nun die Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen. Sowohl die Bundesregierung als auch die Europäische Kommission versuchen diesen Herausforderungen mit ressortübergreifenden Rahmenprogrammen zu begegnen – mit seiner thematisch breit gefächerten Ausrichtung ist der Projektträger Jülich für diesen neuen Ansatz hervorragend aufgestellt.

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